Lausitzer Rundschau, Dienstag, 19.06.2012

"Wir leiden an chronischem Fernweh"
Zwei junge Cottbuser brechen zu einer Weltreise auf – mit dem Fahrrad

Cottbus. Patrick Schillow und Matthias Schmerl sind im Radreisefieber. 25 Länder liegen auf ihrer Route und 18 000 Kilometer auf dem Fahrrad vor ihnen. Am 1. Juli werden die beiden vom Cottbuser Altmarkt zu ihrem einjährigen Abenteuer aufbrechen.

 

Ein ganzes Jahr reisen – darum werden sie viele beneiden. Der Kreis der Neider wird aber deutlich zusammenschrumpfen, weil sie einen großen Teil der Strecke radeln wollen. Warum machen Sie es sich denn so schwer?
Patrick Schillow: Das werden wir tatsächlich oft gefragt. Trotz der zu erwartenden Strapazen haben wir uns aber bewusst für den Drahtesel als bevorzugtes Reisemittel entschieden. Wir erhoffen uns so, Land und Leute noch intensiver zu erleben und die nötige Zeit zu haben, um die gesammelten Eindrücke verarbeiten zu können.

Matthias Schmerl: Gleichzeitig sind wir auf der Suche nach Herausforderungen und wollen testen, ob wir mit eigener Muskelkraft um den halben Globus radeln können.

18 000 Kilometer? Sind Sie denn gut trainiert?
Schillow: Mit zwölf Jahren bin ich mit meinem älteren Bruder bis nach Prag geradelt. Danach folgten mehrere längere Radtouren. Bis dato bin ich aber nicht aus Europa herausgekommen.

Schmerl: Was Fahrradtouren angeht, würde ich meine Erfahrungen im Vergleich zu Patrick eher als "ausbaufähig" bezeichnen. Bisher habe ich nur eine Tour von Brandenburg zur Mecklenburgischen Seenplatte und eine 700 Kilometer-Fahrt von Amsterdam nach Straßburg vorzuweisen.

Und jetzt vor der Tour kein spezielles Training?
Schillow: Nein. Wir haben ja unterwegs Gelegenheit, uns fit zu fahren.

Bei 18 000 Kilometern haben Sie doch riesige Tagesetappen vor sich.
Schillow: Wir haben so gerechnet, dass wir pro Tag etwa 80 Kilometer radeln müssen.

Ganz flach ist die Strecke ja nicht gerade. Immerhin wollen Sie ins Himalaya-Gebirge.
Schmerl: Stimmt. In Nepal wird es sicher schwierig. Ich hoffe, dass ich bis dahin gut geübt bin. Aber aufs Himalaya-Gebirge freue ich mich auch ganz besonders.

Einen Teil der Strecke werden Sie mit der Bahn beziehungsweise mit dem Flugzeug zurücklegen.
Schillow: Von Moskau bis Peking fahren wir mit der Transsibirischen Eisenbahn. Krisengebiete wie Myanmar oder Afghanistan werden wir überfliegen.

Noch mal zurück zu den Anfängen: Wie ist denn die Idee zu der Reise entstanden?
Schillow: Nach dem Studium ging ich für acht Monate auf eine Reise um die Welt. Wieder zurück in Deutschland folgten zweieinhalb Jahre Arbeit und ein berufsbegleitendes Studium. Durch diese Doppelbelastung blieb wenig Zeit für weitere Touren. Aber die Idee zu einer Radfahrt durch Eurasien entstand.

Schmerl: Vor etwa einem Jahr hat mir Matthias erzählt, dass er eine Auszeit nehmen und reisen wolle, aber nicht allein. Er hat mich gefragt, ob ich dabei wäre. Ich habe spontan zugesagt. Wir hatten aber eine Bedenkzeit bis Weihnachten vereinbart. Bis dahin hätten wir beide noch abspringen können, wenn wir kalte Füße bekommen hätten.

Wie kalt sind die Füße jetzt?
Schillow: Ich gebe zu, dass das flaue Gefühl wächst, je näher der Termin unserer Abreise rückt. Aber die Vorfreude wächst auch.

Schmerl: Natürlich gibt es Bedenken. Die Angst vor Krankheiten oder Überfällen. Aber momentan überwiegt der positive Aspekt.

Reisegefährten wollen wohl gewählt sein. Warum fiel Ihre Wahl auf Patrick Schillow?
Schmerl: Tatsächlich gibt es nur sehr wenige Leute, mit denen ich eine solche Reise unternehmen würde. Patrick kenne ich seit der Schulzeit. Wir verstehen uns einfach. Er ist der Richtige.

Schillow: Wir ergänzen uns gut: Matthias ist der Theoretiker. Er ist super, wenn es darum geht, Formalitäten zu klären, wie jetzt zum Beispiel beim Beantragen der vielen Visa. Ich bin eher der Praktiker, der ein Fahrrad wieder flott kriegt, wenn es kaputt geht.

 

Sie sind Einzelhandelskaufmann in einem Cottbuser Fahrradgeschäft. Was sagt denn Ihr Arbeitgeber zu der einjährigen Auszeit?
Schillow: Er fand die Idee zwar ein wenig verrückt, aber trotzdem gut.

 

Matthias Schmerl, Sie haben für Ihre Tour nicht nur eine Auszeit genommen, sondern gleich ganz Ihren Bankjob hingeschmissen.
Schmerl: Das stimmt. Ich habe meinen Job und meine Wohnung gekündigt. Mein Auto und meine Sachen habe ich verkauft. Wenn wir losradeln, lasse ich an materiellen Dingen nichts zurück. Ich werfe den Ballast ab und bin frei.

Macht es Ihnen keine Angst, dass Sie bei Null anfangen, wenn Sie nach einem Jahr zurückkommen?
Schmerl: Nein. Ich bin ein optimistischer Mensch.

Könnte es nicht sein, dass Sie nach dieser Abenteuertour für das Arbeitsleben in einer Bank verloren sind?
Schmerl: Das ist eine berechtigte Frage, die man vorher nicht beantworten kann. Ich denke aber, dass mir der Einstieg in das Berufsleben nach der Tour wieder gelingen wird.

Ein Jahr um die Welt zu reisen, klingt nach Luxus. Ist eine solche Tour für jederman erschwinglich?
Schillow: Wir rechnen pro Nase mit Kosten von 15 000 Euro. Für das tägliche Leben haben wir durchschnittlich 15 Euro angesetzt. Ein luxuriöser Lebensstil ist also nicht drin.

Auf Ihrer Internetseite werben Sie um Spenden. Um Ihre Tour zu finanzieren?
Schillow: Nein. Wir möchten unsere Fahrradtour nutzen, um nicht nur unsere, sondern die Träume möglichst vieler anderer Menschen zu erfüllen, indem wir für ausgewählte Hilfsprojekte Spenden sammeln. Zum Beispiel für den Bau eines Kindergartens und die Anschaffung von medizinischen Geräten für ein Krankenhaus in Vietnam. Wenn es sich machen lässt, wollen wir unterwegs dort vorbeischauen.

Schmerl: Auf unserer Internetseite www.rad-reise-fieber.de gibt es ausführliche Informationen zu den Projekten, die wir unterstützen wollen.

Gibt es feste Stationen auf Ihrer Tour?
Schillow: Tallin, Helsinki, Peking, Shanghai und Hongkong sind Fixpunkte. Ansonsten steht nur die Richtung fest. Alles Weitere wird sich unterwegs ergeben.

Sie haben die Route also nicht durchgeplant und Unterkünfte gebucht?
Schillow: Wo es möglich ist, wollen wir im Zelt übernachten, um Geld zu sparen. Auf anderen Reisen habe ich schon erlebt, dass man spontan eingeladen wird.

Sie kommen durch 25 verschiedene Länder. Wie werden Sie sich verständigen?
Schillow: Matthias spricht gut Englisch. Außerdem haben wir ein Bildwörterbuch ganz ohne Worte im Gepäck.

Schmerl: Auf meinen früheren Reisen habe ich die Erfahrung gemacht, dass man mit Menschen auch in Kontakt kommen kann, wenn man ihre Sprache nicht spricht. Zur Not funktioniert die Verständigung mit Händen und Füßen.

Apropos Gepäck: Das Zelt, die Kleidung, Werkzeug, Wasser und Proviant. Das alles transportieren Sie auf Ihren Rädern?
Schillow: An jedem unserer Räder werden sechs Packtaschen mit rund 25 Kilo Gepäck hängen. Wir haben uns in einem Outdoor-Geschäft in Cottbus sehr gut beraten lassen, damit wir nicht zu viel tragen müssen.

Haben Sie Spezialräder, die speziell für eine solche Belastung gemacht sind?
Schillow: Mit zwölf Jahren habe ich ein Mountainbike bekommen. Das habe ich mir selbst umgebaut. Nur der Rahmen ist noch Original. Es ist sehr stabil und hat alle meine Radtouren mitgemacht. Das Rad für Matthias baue ich nach diesem Muster selbst. Wichtig ist, dass ich unserer Räder selbst reparieren kann, wenn sie unterwegs kaputt gehen. Ersatzteile nehmen wir mit.

Wie bleiben Sie bei Ihrer Tour in Kontakt mit der Heimat und der Außenwelt?
Schmerl: Wir werden ein Netbook dabeihaben und von unterwegs Fotos und kleine Reiseberichte auf unserer Internetseite stellen.

Sie werden ein ganzes Jahr miteinander verbringen. Glauben Sie nicht, dass es da auch manchmal zu Konflikten kommen wird?
Schmerl: Ich bin sogar ziemlich sicher, dass wir uns mal auf die Nerven gehen werden. Wenn man ein ganzes Jahr in einem 1,60 Meter breiten Zelt schlafen muss, dann ist das nur normal.

Schillow: Wir haben abgesprochen, dass jeder von uns auch mal eine Etappe alleine zurücklegen kann.

Schmerl: Letztendlich glaube ich aber, dass uns die Reise sehr zusammenschweißen wird.

Wie geht es denn Ihren Müttern? Lassen die Sie gerne ziehen?
Schmerl: Zunächst war sie nicht begeistert, aber inzwischen hat sie sich damit abgefunden. Sie kennt mich, weiß, dass ich mich nicht unnötig in Gefahr bringen werde, und unterstützt mich jetzt auch bei meinem Vorhaben.

Schillow: Meine Mama war anfangs auch eher skeptisch. Aber als sie merkte, dass sie mir die Tour nicht ausreden kann, hat sie mir mit Rat und Tat geholfen. Mein Ziel ist es, in einem Jahr gesund vor ihr zu stehen und zu sagen: Da bin ich wieder.

Welche Hoffnungen knüpfen Sie an Ihre Tour?
Schillow: Ich freue mich, neue Länder und Menschen kennenzulernen. Ich habe die Sehnsucht, unterwegs den Stress loszuwerden, die Seele baumeln zu lassen.

Schmerl: Schon seit meiner Schulzeit faszinieren mich fremde Länder und Kulturen. Es gibt noch viele Fahnen, die darauf warten in meine Weltkarte gepinnt zu werden.

Mit Patrick Schillow

und Matthias Schmerl

sprach Nicole Nocon

 

Quelle: Lausitzer Rundschau / http://www.lr-online.de/regionen/cottbus/Wir-leiden-an-chronischem-Fernweh