Teil 1 - China für Anfänger: Von leckeren Essen über spuckende Chinesen bis zu Top-Hairstylisten

Kunming (China)

95. Reisetag

2.758 Kilometer

(Zug: ca. 11.440 KM)

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Nachdem wir vom größten Land der Erde, in die kälteste Hauptstadt der Welt (zum Glück im Spätsommer) gefahren sind, geht es jetzt in das bevölkerungsreichste aller Länder, China, das Land des Lächelns im Reich der Mitte :--) Von allen Ländern die wir bereisen, ist China sicherlich am präsentesten in den Medien, sei es in Bezug auf die rapid wachsende Wirtschaftskraft und die dabei zu schaden kommende Umwelt, den Konflikt mit Tibet oder die Ein-Kind-Politik.

Jetzt sind wir ganz gespannt, wie sich das Land und deren Leute für uns darstellen. Leider bleibt uns dafür nur ein Monat Zeit, was uns in Anbetracht der Größe des Landes, lediglich einen Ausschnitt der Landschaft und Lebensweise der Chinesen erfahren lässt. Deshalb wollen wir die Zeit möglichst optimal nutzen und haben uns für eine, zwischen Städten und Natur ausgewogene Reiseroute entschieden. Die limitierte Zeit lässt uns schließlich auch davon abgehen, mit dem Rad zu reisen. Stattdessen werden wir die großen Strecken mit Zug und Bus zurücklegen und nur Tagesausflüge mit unseren Rädern unternehmen.

Einen ersten Eindruck von den schieren Menschenmassen Chinas, erleben wir schon bei unserer Ankunft am Pekinger Bahnhof. Im Gewühl von tausenden Chinesen tragen wir unsere zwei Zentner Gepäckladung auf den Vorplatz, wo wir mit großen staunenden Augen stehenbleiben und uns erst einmal an die Hektik und den fehlenden Freiraum gewöhnen müssen. Die Zeiten der schier endlosen Weiten ohne eine Menschenseele, scheinen vorerst vorbei; zumindest in den Städten. Beim Blick auf die Karte wird jedoch deutlich, dass selbst Orte deren Namen uns noch nie zu Ohr gekommen sind, Millionenstädte sind. Oder habt Ihr schon von Chongqing/7,7 Mio. Einwohner oder Tianjin/6,4 Mio. Einwohner gehört?

Nachdem wir die ersten Eindrücke sacken lassen haben, starten wir unsere fünfttägige China-Erkundungstour für Anfänger in Peking:

1) Los geht’s natürlich mit dem Essen:

„Die Chinesen essen alles war vier Beine hat, außer Tische; alles was fliegt, außer Flugzeuge; alles was schwimmt, außer Boote.“ (Sprichwort) Das klingt eher nach Allesesser, denn nach Feinschmecker -na dann schauen wir mal was es so gibt….

china  die zwei seiten der medaille 20121002 1200187664… doch schnell stellen wir fest, dass China ein kulinarisches Schlaraffenland ist! An jeder Straßenecke warten Garküchen, mit neuen Erfahrungen für Auge, Nase und Gaumen: Reisnudeln mit Chili-Hühnchen und Erdnüssen, Auberginen in Sojasauce, Hühnerfüße zum Knabbern, Teigtaschen gefüllt mit Gemüse und geschmortem Schwein, gegrillte Spieße wahlweise mit Rind, Schwein, Huhn oder Brokkoli und Pilzen belegt. Oft gibt es auch seltsam und kurios aussehenden Dinge, die wir nicht identifizieren können, aber ab und zu trotzdem bestellen. Gerade die geringen Preise – für eine Mahlzeit geben wir im Schnitt nur 1-4 Euro aus – ermöglichen es uns, verschiedensten Sachen auszuprobieren. Doch bei aller Neugier auf neue Geschmackserlebnisse, Hund und Katze sind bisher noch nicht auf unsere Teller gekommen; zumindest nicht wissentlich….Dafür verlassen wir Peking natürlich nicht ohne eine Peking-Ente zu verspeisen.

Bei allen kulinarischen Streifzügen gehören ab sofort Essstäbchen zu unseren Alltagsinstrumenten. Von denen werden in China jährlich ca. 45 Milliarden verbraucht; jetzt also auch durch uns. Auch wenn wir die zwei Holzstäbchen nicht wie die Chinesen in der Geschwindigkeit eines Schaufelbaggers in den Mund führen können, verhungern wir zumindest nicht und sind gleichzeitig gezwungen, langsamer zu essen.

 

 2) Der gemeine Pekinger/Chinese:

So viele Menschen in Peking leben, so viele verschiedene Typen sind hier auch zu finden. Doch offensichtlich gibt es ein paar Verhaltensweisen die die Chinesen gemeinsam haben:

  •       Der Prototyp-Chinese legt nicht viel Wert auf Äußerlichkeiten. In der Regel trägt er eine einfache Stoffhose; obenrum meist ein labbriges Shirt, das er am liebsten jedoch nach oben schiebt, um seinen wohlgenährten Bauch in aller Öffentlichkeit zur Schau zu stellen und sich diesen genüsslich zu streicheln.
  •        Von Benimmregeln, wie wir sie im Westen kennen, hat der Chinese noch nichts gehört, oder pfeift drauf. So hören wir alle paar Meter wie jemand alles hochzieht, was der Rachen hergibt, um es anschließend auf den Gehweg auszuspucken. Die vornehmeren Chinesen benutzten hierfür einen Mülleimer oder gar ein Taschentuch. Neben den genannten Bauchkratzern sind noch Nasenreiniger und Essensschlürfer weit verbreitet. Bei Suppen kann man so wohl verhindern sich zu verbrennen, aber was es bei kalten Speisen bewirken soll ist uns nicht schlüssig… Man muss sich auch nicht wundern wenn die Verkäuferin eine Sorte Waschmittel empfiehlt und sich dabei den Dreck aus den Zähnen stochert.
  •       china  die zwei seiten der medaille 20121002 2024736320Die Chinesen sind dem Sport und der Musik zugezogen. Das kann man am besten in einem der zahlreichen Parks in Peking beobachten. Hier sieht man Rentner die in Gruppen Tanzen und Aerobic machen. An der anderen Ecke spielen 60-Jährige mit einer Art Fußball mit einem Federknauf und noch ältere Kaliber powern sich an verschiedenen Trainingsgeräten aus, dass man als Mittzwanziger neidisch guckt.
    Anderswo im Park wird sich der Musik gewidmet. Fidele Grauköpfe singen im Chor oder musizieren in Akkordeonorchestern, andere schmettern eine chinesische Ballade nach der anderen in das Mikro, die dank des angeschlossenen Verstärkers die umstehenden Zuschauer beschallen.

 

  •       Etwas anders verhalten sich die jungen Chinesen, die offensichtliche der westlichen Lebensweise nacheifern und sich in den Shoppingcentern tummeln und internationale Marken tragen. Auch der Besuch von Fastfood Restaurants gehört in dieser Generation zur Gewohnheit.
  •       Vielen Chinesen ist gleich, dass sie sehr freundlich und hilfsbereit sind. Uns wird oft zugelächelt, auch wenn wir nicht immer wissen ob es freundlich gemeint ist. Einige teilen mit uns auch ihr Essen – z.B. Süßigkeiten und Sonnenblumenkerne oder helfen uns bei der Orientierung auf Karten oder als Übersetzer in jeglicher Situation.

 3) Die Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten

china  die zwei seiten der medaille 20121002 1607919720Nach dem leiblichen Wohl sind wir nun auch bereit etwas von der Stadt in Augenschein zu nehmen. Auf unserer Sightseeing-Liste stehen die Klassiker: die Chinesische Mauer, der Sommerpalast, der Platz vor dem Tor des Himmlischen Friedens, die verbotenen Stadt, das Olympiagelände und ein paar Parks. Sehr gut lässt es sich dazu mit dem Rad durch die Pekinger Straßen fahren. Hier entgeht man den Menschenmassen, die sich in die U-Bahnen zwängen und kann trotz des chaotischen Verkehrs, auf den extrem breiten Fahrradwegen entspannt zu den Highlights der Stadt radeln. Etwas irritiert war allerdings die Hostel-Angestellte, als ich sie um ein Leihrad bitte. „Ihr habt doch auch selber Fahrräder!?“ Dass diese in der Masse an alten Drahtesel aber sehr auffallen und vielleicht Diebe anlocken überzeigt sie dann schließlich doch:--)

Die Sehenswürdigkeit schlechthin – die Chinesische Mauer – liegt außerhalb der Pekinger Stadtgrenze. Um die Mauer nicht mit tausenden Touristen teilen zu müssen, fahren wir mit dem Bus etwas weiter raus aus Peking. Dem alltäglichen Smog können wir leider nicht ganz entfliehen, aber wenigstens können wir das eindrucksvolle Bauwerk hier in Ruhe genießen und jetzt mit Sicherheit behaupten, dass es live viel eindrucksvoller ist, als im TV oder auf Bildern. Wenn man die schier endlosen Mauerstücke sieht, die sich in der malerischen Landschaft imposant die Bergrücken entlang winden, stockt einem der Atem und man versetzt sich in die damalige Zeit. Aus den Tagträumen werden wir nur durch die Souvenir- und Wasser-Verkäufer gerissen, die hinter jeder zweiten Zinne lauern und ihre Sachen lautstark anpreisen.

Mit all den Eindrücken gehen die Tage in der chinesischen Hauptstadt schnell vorbei und wir müssen die Taschen packen, um unseren straffen Zeitplan einzuhalten. Mit dem Zug geht es in die nächste Millionenstadt, Shanghai. Hier bleiben wir 3 Tage. Im Gegensatz zu Peking sind wir hier nicht so sehr auf Sehenswürdigkeiten-Jagd, wir wollen einfach die Atmosphäre der Wirtschaftsmetropole erleben.

china  die zwei seiten der medaille 20121002 1937593689Am besten kann man das auf dem 2,6 Kilometer langen Prachtboulevard „Bund“, am Westufer des Huangpu. Hier flanieren allabendlich Spaziergänger entlang der schönsten Gebäude der Stadt und genießen den beindruckenden Blick auf die bunt beleuchtete Skyline des Finanzviertels. Noch besser ist der Blick vom World Financial Center, das auf 474m eine Glasscheibe als Lauffläche hat und damit die höchste Aussichtplattform der Welt besitzt :--)

Zwei Abende verbringen wir mit Clubbesuchen. Während wir beim ersten Mal in einem Nobel-Schuppen landen, der zwar einen geilen Panoramablick auf die Skyline bietet, aber stattliche 12 Euro Eintritt und 8 Euro für ein kleines Bier verlangt, können wir es uns am Freitagabend ohne einen Euro auszugeben, mit Wodka und Whiskey gut gehen lassen. Das Zauberwort lautet: Party Support. Auf Deutsch, die Clubs versuchen westliche Touristen in die Lokale zu locken um die Stimmung unter den Einheimischen anzuheizen. So wurde jede geleerte Flasche zügig durch eine neue ersetzt :--) Warum können wir das nicht immer haben :--)

Am nächsten Tag wollen wir uns noch schnell frisurtechnisch auf Vordermann bringen und steuern einen Friseur an, der von außen einen guten Eindruck macht. Blitzschnell haben wir zwei emsige Haarschneider, die sich gern um unsere Haarpracht kümmern. Nach dem schneiden noch eine Kopfmassage, Waschen und Fönen und zur Kasse. Das macht dann 35 Euro pro Person, also umgerechnet neun bis 35 leckere Mahlzeiten. Aber immerhin hatten wir ja das Glück von zwei „Senior-Friseur-Super-Duper-Managern“ mit langjähriger Coiffer-Erfahrung bedient zu werden. Dadong wieder was gelernt – immer die Preise vorher festmachen, dann wären die beiden vielleicht als Junior Hairstylisten für die Hälfte an die Scheren getreten.

Mit geschorener Mähne, fahren wir zum Bahnhof; für den Anlass vielleicht etwas zu sehr gestylt:--)
Die Zeit der Mega-Metropolen ist erst einmal vorbei und wir freuen uns jetzt etwas mehr Landschaft und Natur kennenzulernen und auch mal zur Abwechslung den Himmel ohne Smog zu sehen. Gespannt sind wir auch ob sich die Eindrücke, die wir in Peking und Shanghai gesammelt haben weiter festigen oder in der Weiteren Reise vielleicht ganz anders darstellen. Wie auch immer – Reisfelder und idyllische Flüsse wir kommen! :--)

Beste Grüße

Patrick und Matthias

 

Kommentare   

 
+2 #6 falk 2012-10-12 13:13
Ni hao!

Einfach wieder mal ein "Hallo" an euch in der Ferne! Ich lese immer wieder eure Berichte und schaue gern die Fotos an.
Weiter so und "Alles Gute!"

:-)
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+2 #5 Matthias S. 2012-10-10 09:31
hehe, auf jeden Fall ist der gemeine Chinese in der Summe ok ;-)
Wenn wir die Taschen gesponsort bekommen haetten, koennte ich ja dafuer werben :-) Die sind wirklich gut und stabil, zum tragen sind Radtasachen aber eher ungeeignet auf Dauer, weil siean den Schultern ziehen.
Recht hast du, wir machen jetzt langsamer - Vietnam in knapp 2 Monaten 8)
Ach schoen dass ich noch nicht vergessen bin :lol:
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+5 #4 MatthiasF 2012-10-07 07:46
kann mich den Vorrednern anschließen: weiterhin sehr schön geschrieben, als wäre man dabei... mit Gefühl fürs Detail

auch wenn 'der Chinese' mal rülpst und rotzt, scheint er ja in der Summe seiner Eigenschaften ok zu sein;) Am meisten fasziniert die Essensthematik, die Peking-Ente sieht aus wie bei uns im Restaurant, während die Spieße beim Händler aufm Markt sehr exotisch anmuten, faszinierend!

Die sehr ordentlich verschlossenen, immer nach intakten und immer sauber aufgereihten Fahrradtaschen gefallen mir auch gut, das muss ja eine tolle Qualität sein... scheinbar kann man die auch einigermaßen am Körper tragen(?), wenn sie nicht am Fahrrad hängen oder im Zugabteil schlafen...
und jetzt habt ihr 1M für China, macht mal langsam... ist doch erst ein 1/4 Jahr rum... aber die Zeit rennt... Matthias dein Nach-Nachfolger i.d. Bank kennt dich grade mal vom Hörensagen.Aber um so intensiver denken deine übrigen Verehrerinnen an dich
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+2 #3 Katrin Ketzlin 2012-10-06 10:20
zu der Bekanntschaft mit den Benimmregeln: diese was-der-Rachen- hergibt-Methode werdet ihr weiterhin ertragen müssen, denn in Thailand sowie Laos habe ich diese Erfahrungen auch schon sammeln dürfen.Dabei finde ich das Geräusch bei dem Ganzen am Schlimmsten :o
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+4 #2 Matthias S. 2012-10-05 00:45
Danke Nina! kannst ja einfch rüberkommen :lol: Wir haben zwei Panasonic Lumix- die Motive geben halt viel her :lol:
Indien wird bestimmt mindestens genaus interessant ;-)
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+5 #1 Nina K. 2012-10-03 14:13
Eure Berichte sind so toll, dass man am liebsten sofort mit euch mitreisen möchte! China klingt auch wieder sehr interessant!
Was für eine Kamera habt ihr eigentlich dabei? Die Fotos sind toll!
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