Teil 2 - China für Fortgeschrittene: Von historischen Dörfern,

ueber Drachenrückenreisterassen bis hin zu einer gemütlichen

Kahnfahrt

Hanoi (Vietnam)
120. Reisetag
2.813 Kilometer
(Zug: ca. 12.740 KM)

 china02 20121010 1258458241Mit idyllischen Landschaften im Kopf und frisch gestylten Haare auf dem Kopf haben wir es mitsamt unserer Räder in den Zug geschafft. Aus Kostengründen fahren wir wieder einmal gehobene Holzklasse, soll heißen, Hard Sleeper oder auch sechs Pritschen auf 4 Quadratmetern. Wieder fallen wir als Touristen auf, anscheinend reisen alle anderen per Flugzeug oder leisten sich ein weiches Bett. Die vielen Blicke schreiben wir diesmal aber in erster Linie der Leistung unserer zwei Star-Friseure zu. Beim gegenseitigen Anblick müssen wir selber lachen, sehen wir doch wie ein schwules Pärchen aus, das mit frisch gegelten Haaren und neuem Outfit (wir waren bei H&M shoppen) auf dem Weg in einen der Shanghaier Nachtclubs unterwegs ist, statt auf eine 12-stündige Zugreise in einem Schlafwagon, dessen Insassen sich mit Jogginghose und Schlabberlook gänzlich den Gegebenheiten angepasst haben.
Die letzten Wochen haben unsere Relationen für Distanzen gehörig verschoben: die bevorstehenden 1.500 Kilometer sehen wir mittlerweile als Katzensprung an. Aber wir haben keine falschen Illusionen, dieses Zeit/Raumgefühl wird sich spätestens in Vietnam ändern, wenn wir wieder mit Muskelkraft Kilometer machen und in 10-Kilometer Schritten denken.

Ziel unserer Zugfahrt ist Guilin, eine Stadt in der südchinesischen Provinz Guangxi. Manch einer wird sich fragen wie wir auf diesen Ort gekommen sind!? Zum einen durch Tipps von Reisenden, die wir unterwegs getroffen haben. Da war zum Beispiel der Israeli, der eine Dating-Webseite betreibt und diese praktisch von überall per Laptop pflegen kann und der pensionierte Franzose, der zum achten Mal nach China gekommen ist und immer für ein halbes Jahr das Land bereist. Solche Insider lassen wir nicht ungefragt aus der Zange, mit Block und Stift bewaffnet starten wir das Verhör: Erzähl doch mal… :--)! Zudem behauptet unser Reiseführer jeder Chinese guckt neidisch, wenn man ihm sage man wolle nach Guilin. Bei uns hat es eher zu fragenden Blicken geführt, weil wir regelmäßig die falsche Tonhöhe wählen – Gu-i-lin…
Sei’s drum, wir sind jetzt hier und nehmen sofort die im Vergleich zu Peking und Shanghai kleineren Maßstäbe wahr. Beim Weg zum Hostel können wir sogar schon die Silhouetten der für die Region charakteristischen Karsthügel erahnen. Die sehenswerte Landschaft in dieser Region um den berühmten Li Fluss wird wegen dieser oft als die “Feinste unter dem Himmel” bezeichnet. Nahezu jeder Chinese kennt diesen Landstrich: sei es aus Gedichten, von Zeichnungen, oder im Zweifel von der 20-Yuan-Note, die einen Fischer auf dem Li-Fluss zwischen Felsbuckeln zeigt.

china02 20121010 1699737182Die Karsthügel lassen wir trotzdem erst einmal links liegen und schwingen uns auf die Räder für einen Tagesausflug in ein 1000-Jahre altes Dorf. Dieses ist laut unserem Reiseführer eines der interessantesten in China. Knapp 40-Kilometer radeln wir, anfänglich im Gewühl hunderter Mopeds, die in jeder chinesischen Stadt wie ein Bienenschwarm rumschwirren, später dann endlich auf ruhigerem Pflaster: durch Bauernland, vorbei an Mais- und Chilifeldern, Weinreben und den ersten Reisanbaugebieten. Trotz des Anscheins, am Ende der Welt zu sein, sind die Straßen offensichtlich aus diesem Jahrhundert. Glatter Asphalt und kaum Schlaglöcher - darauf wären einige Gemeinden in Polen und dem Baltikum sicher neidisch :--) Im Dorf angekommen, werden wir von einer emsigen Chinesin rasch in einen alten Bau gelockt und nach dem Blick auf eine englische Informationstafel auch schon mit zwei Quittungen für den anstehenden Museumsbesuch versorgt. Auf diese – zugegebenermaßen - subtile Art von Haushaltsfinanzierung haben wir aber keine Lust und fahren weiter in den abgelegeneren Teil der Ortschaft, wo das Leben wirklich stehen geblieben zu sein scheint: Enten watscheln über die Straße, Opis ernten das Getreide und Omis schleppen Stöcker auf ihren Rücken. Hier gibt es ausnahmsweise keine Suppenküchen, sodass wir uns nach einer Stunde wieder auf dem Heimweg machen und zwischendurch unserer bisheriges Nummer-1 Mittags-Schnäppchen machen: eine Nudelsuppe mit Erdnüssen, Lauch, und Hühnerbrühe für ganze 50 Cent :--)
Der nächste Programmpunkt unserer Erkundungstour zwingt uns zur Abwechslung mal in die Wanderschuhe, bildlich zumindest. Es geht auf die Drachenrücken Reisterrassen bei Longji, die ihren Namen der Ähnlichkeit mit Schuppen eines Drachens verdanken. Die Hänge wurden vor mehr als 800 Jahren durch die Dorfbewohner terrassiert, um die Gegend zum Reisanbau nutzbar zu machen.
Unser Plan mutet dagegen simpel an, wir wollen auf dieser riesigen Terrassenanlage von dem Dorf Ping‘an nach Dazhai laufen, was in fünf Stunden machbar sein soll. Zusammen mit unserem Wanderpartner Ben aus Australien starten wir sogleich unsere Tour über die Hügel und quer durch die Terrassen. Zwischendurch passieren wir winzig kleine Dörfer und treffen öfter auf Frauen der Minderheit Zhuong, die für ein paar Yuan ihre Haarpracht für Fotos zur Schau stellen und sich als Wanderführer anbieten. Manchmal machen sie das so vehement, dass wir mituner Probleme haben sie freundlich abzuweisen :--)
china02 20121010 1670688424Entspannter ist es da schon, wenn wir die Stille bei einer Pause am Wegesrand genießen und einfach die sagenhafte Aussicht bestaunen können. Hier sieht man Landarbeiter ihre Arbeit erledigen. Noch koennen sie sich etwas erholen, aber in den naechsten Wochen steht die Ernte an. Diese ist bei Reis sehr ertragreich, bildet die Pflanze im Laufe eines Zyklus doch bis zu 30 Seitentriebe aus, an denen jeweils 80 bis 100 Körnern wachsen können, was im Ergebnis bis zu 3.000 Reiskoerner ergibt. Unmengen an Reis sind auch noetig um den riesigen Bedarf der Bevoelkerung zu saettigen, essen doch die Chinesen im Schnitt knapp 30-Mal soviel Reis wie Deutsche (91 Kg/Person vs. 3,3 Kg/Person im Jahr).   

Bevor wir endlich gekochten Reis verzehren koennen – zum Mittag gab es passenderweise Instant-Nudeln :--) – muessen wir aber noch ein bisschen weiterlaufen. Wenn sich dabei die Wege teilen, wünschen wir uns dann doch einen Guide dabei zu haben, aber wir treffen eigentlich an jeder Ecke Einheimische, denen wir Dorfnamen zurufen, um uns anhand ihrer Fingerzeige den richtigen Weg weisen zu lassen. Umwege lassen sich aber nicht immer vermeiden, sodass wir erst nach 8 Stunden im Guesthouse ankommen und sich der Angestellte schon Sorgen gemacht hat, dass wir gar nicht mehr aufkreuzen :--) Das Holzhaus steht auf Pfählen und bietet einen klasse Blick ueber die Reisterrassen – selbst vom stillen Oertchen aus. Als Belohnung der Wanderung wollen wir uns noch die Baeuche vollschlagen, da kommt es uns gelegen dass ein Bauer neben der Pension einen Schweinekopf waescht, so haben wir keine Probleme bei der Essenswahl – dreimal Schwein :--)

china02 20121010 1078336136Nach den zwei sportlichen Aktivitaeten beschliessen wir die kommenden Tage etwas ruhiger anzugehen, schliesslich sind wir ja in einer Urlaubsregion. Von Yangshou aus wollen wir endlich auf einen Fluss und die Karsthuegel bestaunen. Anstatt des touristisch ueberlaufen Li-Flusses, entscheiden wir uns aber fuer den kleineren Yulong-Fluss. Auch hier entstand durch jahrtausendelange Erosion abgelagerten Muschelkalks eine atemberaubende Karsthuegel-Landschaft. Was kann man in so einer Umgebung besseres machen als eine entspannte Flossfahrt :--) Also ab aufs Boot, dass aus Bambussprossen zusammengebunden und mit zwei mittel-gemuetlichen Stuehlen bestueckt ist. Die erste halbe Stunde kommen wir uns wie auf einer Kahnfahrt im Spreewald vor, so ruhig und entspannend gleiten wir dahin. Okay, ab und zu gibt es eine kleine Stromschnelle mit 40 cm Abgang, bei dem die Spreewaldkaehne wohl kapitulieren wuerden, aber trotzdessen geniessen wir die seit langem nicht mehr bekannte Ruhe. Das aendert sich sobald wir die Hauptattraktion erreichen, eine weitere Senke, vor der hunderte Flosse warten, um die chinesischen Touristen runterzufahren und dabei ein Foto fuer die Daheimgebliebenen zu knipsen. Die eigentliche Flossfahrt ist fuer diese Leute anscheinend weniger von Interesse..

 

 

Die restliche Zeit in Yangshou verbringen wir mit dem Besuch der bekannten Lichtershow, bei der nicht nur die Karsthuegel gekonnt illuminiert werden, sonderrn auch ueber 600 Darsteller eine sehenswerte Choreographie ablieferen.
Nach dem Trubel wollen wir den naechsten Tag ruhiger angehen und melden uns fuer einen Kochunterricht in einem Restaurant an. Zu dem Programm zaehlen neben dem Einkauf auf dem grossen Lebensmittelmarkt, die Zubereitung von drei Speisen unter Anleitung einer erfahrerenen Koechin und natuerlich die Verkostung der selbst zubereiteten Gerichte. Und wir koennen ohne Arroganz sagen, dass die Speisen zu den leckersten unseres China-Aufenthalts zaehlen :--) Wenn wir unsere Kochkuenste noch etwas verfeinern, liesse sich ueberlegen, ein China-Restaurant in Deutschland aufzumachen.

Bei den ganzen Aktivitaeten merken wir gar nicht wie schnell die Zeit vergeht und wir machen uns auf zum letzten Trip, weiter in den chinesischen Nordwesten nach Kunming. Die Stadt selber hat fuer uns nicht ganz so viel zu bieten. Ohne Fragen ist unser Highlight hier die Visabeantragung fuer Vietnam :--) Deshalb fahren wir schnell weiter mit dem Bus nach Dali - unsere Raeder bleiben unterdessen im Hostel in Kunming. Fuer einen Tagesausflug muessen wir uns deshalb mit geliehenen Raedern begnuegen. Nach laengerer Pause faellt aber selbst einer kleiner Anstieg mit diesen Kisten schwer und bringt uns doch ein bisschen aus der Puste...

china02 20121010 1774476506Lustigerweise treffen wir gerade hier auf drei Radfahrer aus Deutschland und der Schweiz, mit denen wir an den kommenden beiden Abenden bei leckerem Essen die vielen Reisegeschichten austauschen. Dabei bekommen wir wieder Lust, nach der laengeren Radpause in China und der Mongolei, zurueck auf die Drahtesel zu steigen. Das wird auch in Vietnam der Fall sein, wenn wir von Hanoi im Norden nach Saigon im Sueden strampeln werden.

 

Nachdem wir mit Peking und Shanghai zwei der vielen Mega-Metropolen kennengelernt haben, ist das Bild, welches uns das laendliche China gezeigt hat doch sehr unterschiedlich. Die Ambivalenz zwischen Stadt und Land ist riesig, gibt es auf der einen Seite modernste Technologie wie z.B. einen Schnellzug mit 350 Km/h, arbeiten auf der anderen Seite Millionen Bauern ohne jegliches technisches Equipment in der Landwirtschaft. Manchmal muss man gar nicht soweit aufs Land fahren, sondern einfach ein paar Stadtteile vom Zentrum rausfahren, um die verschiedenen Lebensweisen zu erleben. Apropos erleben, nach den vier Wochen Reisen in China steht fuer uns fest, dass man China selber besuchen muss, um es kennenzulernen. Keine Zeitschrift oder TV Sendung kann  aus der Ferne ein realistisches Bild dieses Landes zeichnen, weil sich die Vielschichtigkeit des Landes und der Menschen nicht festhalten laesst.

 

Beste Grüße

Patrick und Matthias

 

Kommentare   

 
+1 #8 Matthias S. 2012-11-06 01:56
zitiere MatthiasF:
zitiere Matthias S.:
Danke für die Grüße/Glückwünsche!!

Die 4k sind in Sicht 8)


das ging aber jetzt schnell, Rennräder gekauft? :-)



Nein, aber Ketten geölt und Rückenwind :lol:
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+1 #7 Patrick S. 2012-11-05 03:23
@Ronny & Jenny, Ganz Liebe Grüße aus Vietnam, zurück nach Lubochow (Neu-Seeland). Auch ihr bekommt irgendwann Internet. Ist bestimmt nur grad ausverkauft. ;-)
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+1 #6 MatthiasF 2012-11-04 17:58
zitiere Matthias S.:
Danke für die Grüße/Glückwünsche!!

Die 4k sind in Sicht 8)


das ging aber jetzt schnell, Rennräder gekauft? :-)
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+1 #5 Ronny und Jenny 2012-11-04 17:03
Mit großem Interesse verfolgén wir euer Abenteuer und sind begeistert über die tollen Fotos und Eindrücke. Leider können wir uns nicht so oft melden, da unser kleiner Ort noch kein Internet hat. :sigh:
Liebe Grüße von Ronny und Jenny aus Lubochow (Neu-Seeland)
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+1 #4 Matthias S. 2012-10-28 15:37
Danke für die Grüße/Glückwünsche!!

Die 4k sind in Sicht 8)
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+4 #3 Karin Schillow 2012-10-23 09:45
Sehr, sehr beeindruckend und immer wieder ein Erlebnis das von Euch Erlebte zu lesen. ...und Patrick lernt kochen! Dass es Euch gut geht, sieht man! Weiter so, genießt das Leben, die Eindrücke und die Vielfalt ... und denkt auch ab und an mal an die Daheimgeblieben en mit Fernweh :sad:
Ganz herzlich Karin, Annelie und Elias
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+3 #2 Raik Schillow 2012-10-22 05:58
Sehr, sehr eindrucksvolle Worte und Beschreibungen, so dass die Reiselust auf das ländliche China zum sofortigen Sachenpacken reizt. Mein Herz ist voller Freude über Eure hier geschilderten Erfahrungen.

Für die nächste große Fahrradetappe wünsceh ich Euch Gottes reichen Segen und Bewahrung.

Liebe Grüße aus dem Heimat-www
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+2 #1 MatthiasF 2012-10-21 15:22
die Frische der Speisen springt einen richtig an, wobei ich mich jetzt mal mit den Pflanzen und eindeutig totem Fleisch/Fisch begnüge, der Rest ist ja etwas gewöhnungsbedür ftig... Highlight ist das Bild mit den getrockneten Sardellen/Sardi nen und dem Gemüse bzw. Gewürzen...

Die 'Provinz' wirkt sehr idyllisch und man erkennt den ein oder anderen Hügel vermeintlich wieder aus anderen Berichten... dies und auch das Verhalten der Menschen - das gilt jetzt für die ganze Reise im positiven wie negativen - zeigt aber, dass auch der letzte Zipfel der Welt schon vom Tourismus ausgiebig heimgesucht ist... und 'man' vorbereitet ist auf euch

Seht gut, dass ihr jetzt wieder aufs Rad steigt... das soll jetzt nicht falsch rüberkommen, aber nicht mal 3k km, das geht ja gar nicht:P :lol: (die Spanientour '87 waren deutlich über 4k ;-) 8) )

irgendwie habe ich das Gefühl mit dem Verlassen von China geht es in Richtung Heimat...ist natürlich Quatsch...
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