Patrick – von Palermo bis Neapel … stark, hart am Wind …

Rom

254. Reisetag

8.609 Kilometer Rad

Wie schon im letzten Bericht geschrieben, sind wir mit Matthias gut in Palermo/Sizilien angekommen. Eine Pause von fünf Tagen musste reichen, um den Kulturschock zwischen Asien und Europa zu verarbeiten und um sich an den Temperaturunterschied zwischen Singapur und Palermo (ca. 15°) zu gewöhnen. Ich verbrachte die Tage mit etwas Sight­see­ing, die Route für die nächsten Tage, Wochen und Monate zu planen und einem superschönen Abend und leckerem Essen bei Maj und Matthias in ihrem Apartment. (--: Abschiedsstimmung!

Im letzten Bericht haben wir ja schon angekündigt, dass wir unsere jeweilige Europarunde allein radeln werden. Bei mir ging es am Samstag, den 23.02.2013 los und zwar gaaaaaanz allein. Ich bin schon mal neun Tage allein Rad gefahren. Das Ziel war damals die Nordsee - Sankt Peter Ording. Mit dem Wissen, dass es auch manchmal etwas einsam und schwer werden kann, aber auch eine tolle Erfahrung mit sich bringt, fuhr ich optimistisch los. Die ersten Kilometer rollten mit guter Musik im Ohr wie von allein. Ich spürte regelrecht die neue Freiheit, die das Alleinreisen mit sich brachte. Mein nächstes Etappenziel sollte mich bis an den Vulkan Ätna und natürlich auch bis nach oben führen. Mit diesem Ziel vor Augen fuhr ich trotzend dem Wind an der Küste entgegen, bis ich in das bergige Hinterland der Nordküste Siziliens einbog, denn ich wollte auf dem schnellsten Wege Richtung Ätna.

Die ersten Tage in den Bergen verliefen eher schleppend bis fast demotivierend. Die Berge, die mich mehr als 2000 Höhenmeter hinauffahren ließen und die zum Teil sehr niedrigen Temperaturen von 4 Grad sowie das Wetter im Allgemeinen setzten mir sehr zu. Der Wind, der mich ständig hin und her schupst und der das Hoch- und Runterfahren schwierig machte, ließ mich nicht in Ruhe.

Ich habe mich entschieden, in Europa wieder etwas mehr „Abendteuer-Lust“ aufkommen zu lassen und möchte auf feste Unterkünfte weitgehend verzichten und im Zelt übernachten (was sich hoffentlich positiv auf mein Budget auswirken wird). Es ist aber nach über einem halben Jahr Asien ohne Zelt und immer mit einem Dach über dem Kopf nicht leicht und schon gar nicht bei solchem Wetter. )-: Die Suche nach einem geeigneten Schlafplatz für die Nacht zieht sich oft über mehrere Kilometer hin…, denn ich bin sehr wählerisch geworden!!! Es sollte nicht gleich jeder sehen, dass ich in irgendeinem Garten, auf einem verlassenen Grundstück, am Straßenrand oder am Strand wild zelte und schon gar nicht, dass ich allein bin. Ich versuche mit der Wahl meines Quartiers neugierigen, womöglich aggressiven oder auch obdachlosen Leuten aus dem Weg zu gehen. Sie könnten mir das Nächtigen doch etwas erschweren. Sicherheit beim Alleinradeln und Reisen steht für mich an höchster Stelle! Mein „geschultes Auge“ hat aber bis jetzt immer eine geeignete Stelle gefunden, wie zum Beispiel die kleine Wiese mit direkter Sicht auf den Vulkan…. einfach genial!!!

Der Ätna ist mit 3323 Meter über dem Meeresspiegel der höchste und aktivste Vulkan Europas. Er liegt in der Nähe von Catania/Messina. Am 20. Februar diesen Jahres brach er erneut aus … also vor gerade mal fünf Tagen… 0-: Am dritten Tag meiner Ätna-Etappe hatte ich am Morgen freie Sicht auf den Vulkan. Wenn man allein reist, spricht man öfter mal mit sich selber und so sprach ich wieder einmal mit mir selbst: „Ich habe nur diesen einen … bestmöglichen Versuch … also los! Morgen bist du dran … warte nur … ich komme!“

Hoch motiviert, bei vorerst sonnigem Wetter, aber niedrigen Temperaturen fuhr ich bis Mittag zu dem Ort Belpasso, der als Ausgangspunkt für die Vulkan-Touren gilt.

So machte ich mich auf der SP 92 auf den Weg, um den Vulkan bis zu einer Höhe von knapp 2000 m zu erklimmen (mit 50 Kilo unter dem Hintern wird das aber bestimmt kein leichtes Spiel). Die nächsten 25 Kilometer schlängelte sich der Weg in Serpentinen immer weiter in die Höhe. Das Profil meines Reifen „krallte“ sich langsam Meter um Meter die steile Piste entlang. Es war mörderisch anstrengend für mich, denn sobald ich eine kleine Pause einlegte, um mich auszuruhen, begann ich zu frieren. Gegen 17.30 Uhr war es dann soweit! Ich erreichte völlig erschöpft und durchgefroren den Parkplatz, von dem es nur noch mit der Seilbahn oder zu Fuß weiter hoch ging. Der Höhenmesser meines Garmin-Navigationsgerätes zeigte stolze 1934 m an. GEIL!!! Einfach ein geniales Gefühl es bis hier oben geschafft zu haben!!!

Erledigt und durchgefroren gönnte ich mir, in dem einzigen geöffneten Hotel dort in der Höhe, ein Zimmer für ganze 55 €… nicht gerade ein Schnäppchen !!! Nach einer heißen Dusche und dem Abendbrot, was aus Toast, Wurst und Käse bestand, versuchte ich etwas zu schlafen, um Kraft zu tanken und den müden Knochen etwas Ruhe zu gönnen, denn am nächsten Tag wollte ich ja die kurvenreiche Straße auf der anderen Seite wieder runterfahren. Ich kann euch aber sagen: „Es schläft sich nicht so gut mit dem Gedanken, auf einem „Pulverfass“ zu nächtigen. (-;

Nach einem tollen Frühstück mit Croissant, Jogurt und italienischem Cafe` (was ein Espresso ist) startete ich morgens Richtung Ostküste Siziliens und zwar hinunter ins Tal. In der Nacht ist weiterer Schnee gefallen und die Straßen sind noch nicht geräumt und schlecht passierbar: „Das wäre in Cottbus bzw. Kolkwitz nicht passiert!!!“ (--; Bei wieder mal sehr kalten Temperaturen fuhr ich die nächsten 40 Kilometer immer bergab. Der Fahrtwind lässt mich unten am Fuß des Vulkans als Eisblock ankommen…brrrrrr… Um wieder aufzutauen, entschließe ich mich gleich bis Messina durchzustarten, um dort die Meerenge zwischen der Insel Sizilien und Kalabrien auf dem italienischen Festland zu überqueren. Sie ist zwischen drei und acht Kilometer breit und maximal 250 m tief. Die Fähre, die sogar Autos und Züge von und nach Sizilien bringt, braucht ca. 20 Minuten für die Überfahrt. Für sage und schreibe 2,50 € inklusive Fahrrad - wieder ein Schnäppchen wie ich finde - verlasse ich Sizilien mit über 5300 Höhenmetern.

Die nächsten Tage verbringe ich in Kalabrien (italienisch: Calabria) mit Radfahren, Radfahren und wieder Radfahren. Das ist die südlichste Region des italienischen Festlandes. Bildlich gesprochen, nimmt es die Stiefelspitze der italienischen Halbinsel ein. Die Küste erstreckt sich über eine Länge von 780 km und einen Teil davon werde ich am Tyrrhenisches Meer bis Neapel abfahren, denn das nächste Ziel heißt Neapel. Ich komme!!!

Meine Route führt mich durch schöne Landstriche und an vielen Oliven-Hainen vorbei Richtung Salerno. So mancher Kilometer wird mir mit niedlichen Erlebnissen versüßt, wie die fünf Kilometer als mich ein kleiner junger Hund begleitete. Er ist die ganze Zeit neben meinem Rad mitgelaufen und wenn ich pausiert habe, hat er sich dazu gesellt. Ich nenne ihn hier „Lampo“. Er erinnert mich an eine Geschichte in einem Buch aus meiner Kindheit, die in Italien spielt. Am liebsten hätte ich ihn mitgenommen, aber auf Dauer wäre es für ihn auf der Straße zu gefährlich. Also bin ich dann irgendwann allein weiter und habe mich mit einem leckeren Würstchen von Lampo verabschiedet. Machs gut Kleiner … bis irgendwann vielleicht …

Rad fahren macht sehr hungrig! Italienischen Spezialitäten bieten sich regelrecht an, den entstandenen Hunger zu stillen. Selber Gekochtes gibt es ab und zu am Abend (Pasta). Ich hielt öfter an den kleinen Bars am Straßenrand an und deckte mich mit Panini und Pizza ein. Panini sind ein typisch italienisches Gebäck. Sie werden oft mit Schinken, Käse, Wurst und Salat belegt. Pizza gibt es morgens, mittags und am Abend in allen Variationen. Die heutige, international verbreitete Variante mit einer Tomatensauce und Käse als Basis, stammt vermutlich aus Neapel. Heute gilt Pizza neben Spaghetti als das bekannteste italienische Nationalgericht. Ganz nach meinem Geschmack!!!

In Salerno angekommen, suche ich mir ein ansprechendes Hostel, um das schöne Wetter und den Nachmittag zu genießen und mich für den folgenden Tag zu „schonen“, denn es geht an der Amalfiküste entlang nach Neapel.

Die Amalfiküste, die von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde, liegt an der Westküste Italiens am Golf von Salerno und ist die Südküste der Sorrentinischen Halbinsel. Entlang der Küste führt die landschaftlich schöne Küstenstraße. Kurz vor dem Hauptort Amalfi traf ich Alberto auf seinem Rennrad. Er ist ein pensionierter Zugführer aus Salerno, der fast jeden Tag die Strecke Salerno - Amalfi mit dem Rad fährt. Kurzer Hand zeigte Alberto mir die wichtigste Sehenswürdigkeit in der Stadt, den Dom (Cattedrale di Sant’Andrea) aus dem 10. Jahrhundert. Der Dom gilt als das symbolische und touristische Zentrum von Amalfi.

 

In Neapel angekommen, stehen vier Ruhetage auf dem Plan. ABER erst einmal wird Wäsche gewaschen, was DRINGEND nötig war! Die Trips nach Pompeji und Herkulaneum (UNESCO Weltkulturerbe) für den nächsten Tag müssen auch noch geplant werden. Mit der Metro und der Circumvesuiana-Eisenbahn geht es zu der „Untergegangen Stadt Pompeij“. Sie war eine antike Stadt in Kampanien, am Golf von Neapel gelegen, die wie Herculaneum und Stabiae beim Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 n. Chr. verschüttet wurde. Pompeji, eine der am besten erhaltenen antiken Stadtruinen. Der Besuch der beiden Ausgrabungs-Orte hat mir imponiert. Es gibt ein detailliertes Bild, wie die Leute vor tausenden von Jahren gelebt haben. Wobei mir Herkulaneum (ital. Ercolano) noch besser gefallen hat. Es ist etwas kleiner und ruhiger und die vielen liebevollen Mosaike auf den Fußböden sind sehr schön anzuschauen. Es war ein toller Tag. (-:

Meine restlichen Ruhetage ließ ich etwas gemächlicher angehen. Ich war in einem schönen Hostel im Zentrum Neapels mit netten Leuten untergebracht. Da war zum Beispiel Arthur Simões, der von April 2006 bis Mai 2009 mit dem Fahrrad um die Welt gefahren ist und über 30 Länder bereiste. Oder der Franzose, der für sechs Monate mit dem Rad durch Europa reist. Jedenfalls hatte ich gute Gespräche mit ihnen über unsere Rad-Fahr-Erfahrungen und Touren. Allein und auf eigene Faust habe ich mir Neapel auch angeschaut, was bei Regenwetter nicht so toll war. Wie herrlich muss Neapel erst bei schönem Wetter sein? Ich kann euch Neapel aber voll und ganz empfehlen … es gibt viel zu entdecken und zu bestaunen.

Apropos Regenwetter in Neapel: Ein erster und bleibender Eindruck von Neapel waren Straßenverkäufer mit Regenschirmen und emsige Käufer, die ihre zerborstenen, neuen Schirme dann nach kurzer Zeit wegen des starken Windes wieder in die Mülltonnen steckten … irgendwie ein lustiges Bild!!!

… und ich fahre weiter stark, hart am Wind und was ich dabei alles erlebe, erzähle ich euch im nächsten Bericht.

Liebe Grüße Patrick

Kommentare   

 
+1 #13 falk 2013-04-02 16:04
Hi Patrick,

deinen Heimatstadtname n in Grosseto zu lesen war eine tolle Überraschung - kann ich mir gut vorstellen - und da durchrieseln einen bestimmt ganz fantastische Gefühle.
Wir haben vor einigen Jahren mal in dieser italienischen Stadt am Bankautomaten Geld abgehoben, damals war das noch ein Sack voll Lire.
Mit den kommenden Tour-Etappen kann ich jetzt bestimmt immer mal wieder was anfangen, also speziell Frankreich und ich freue mich um so mehr auf deine Berichte die ich sehr gern lese bzw. anschaue - also das Bunte ;-).

Ich sehe ja, dass auch Matthias S., dein Kollege, hier weiter mit liest und mit redet und anbei auch an ihn viele Grüße und Dank für die Reisebeschreibungen.

Also, bleibt in Fahrt und Tritt und "Viel Glück!" weiterhin!

Ciao,
falk
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0 #12 Patrick S. 2013-03-19 17:32
@ MatthiasF … Danke für das Kompliment … ja ich habe ein Stativ mit (Joby Gorillapod)... ist ganz praktisch da man es an vielen stellen anbringen oder aufstellen kann … aber es werden auch Fotografen engagiert … win win Situation sie machen ein Bild von mir und ich von ihnen (-:
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+1 #11 Karin 2013-03-17 16:17
Lieber Patrick,
wollte nur mal testen, wie genau du die Kommentare liest ;-) Habe den Kommentar während meiner Frühstückspause zwischen zwei Telefonaten verfasst - ja so multitaskingfäh ig sind eben Frauen :-*
Außerdem habe ich einen ausgesprochen schlechten Orienierungssin n, sagt Raik :o
Pass auf dich auf!
Karin
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+2 #10 MatthiasF 2013-03-15 14:57
sehr packend geschrieben, da fährt man wirklich mit bergauf... jetzt geht's wenigstens voran, seit der Bremser abgehängt wurde ;) Spass! Top sind auch die Bilder. Führst du ein Stativ mit... bist ja alleine... oder werden immer Fotografen engagiert;)
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+1 #9 Patrick S. 2013-03-13 07:44
@ Kathrin und Frank … Doch in Russland am Lake Baikal und in Malaysia in den Cameron Highlands. Ansonsten hatten wir immer ein richtiges Dach über dem Kopf :lol:
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+2 #8 Kathrin und Frank 2013-03-12 21:08
Hallo Petrick,
willkommen in Europa, es ist schön :-) wieder etwas von euch zu lesen. Super Bericht und tolle Fotos. Habt ihr in Asien überhaupt nicht gezeltet? Vielen Dank für die aktuellen Tips rund ums Weltradeln. Wir freuen uns schon, euch mal persönlich kennen zu lernen.
Beste Grüße Kathrin und Frank
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+2 #7 Patrick S. 2013-03-12 20:42
@ Alle … Danke für die Lieben Kommentare … das Motiviert weiter zu machen und neuen Geschichten entgegen zu radeln :lol:
@Karin … der Vulkan auf den ich hoch bin war der Ätna und nicht der Vesuv ;-) ... und Bus kann ja jeder :P
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+2 #6 Maj 2013-03-12 17:00
Lieber Patrick,

das ist ein toller Bericht und sehr schöne Fotos!! Wahnsinn wie schnell du unterwegs bist und was du schon alles gesehen und erlebt hast :-) !

Pass weiter gut auf dich und das kleine Wurfzelt :-) auf!

Ganz liebe Grüße aus dem eingeschneiten Frankfurt,
Maj
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+2 #5 Raik Schillow 2013-03-12 11:19
Ach ja, und ein bißchen Neid klingt auch mit auf das geschulte Auge :P
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+6 #4 Raik Schillow 2013-03-12 11:15
Hallo Bruderherz, :-)
ganz, ganz toll. Ich bin begeistert und beeindruckt. Sehr gute und schöne Fotos mit Tiefendimension - gefällt mir. Ein toller Bericht - der eindeutig Lust auf mehr macht; aber nicht nur das, sondern vor allem aufs Reisen selbst. Ich erlebe viele Elemente in Deinen Schilderungen - ein bißchen "Cast away", ein bißchen Kindheit, ein bißchen wie Gott in Italien :roll: und - ja Du hast Recht - Marathon extreme - das ist natürlich Dein Metier ...

Ich sehe und lese, dass es Dir richtig gut geht - das freut mich sehr, also nur weiter so!

Ciao und liebe Grüße aus dem verschneiten Sachsen ...
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