Kambodscha – mehr als nur Tempel

Bangkok (Thailand)

178. Reisetag

5.348 Kilometer

(Zug: ca. 13.500 KM)

Nach zwei Monaten in Vietnam ist uns mittlerweile vieles vertraut und doch einiges fremd geblieben. Wir sind gespannt wie Land und Leute der anderen südostasiatischen Länder sind und freuen uns auf viele neue Erfahrungen. Nächster Halt ist Kambodscha, sowas wie die große Unbekannte auf unserer Tour. Außer, dass es die bekannten Angkor Tempel beherbergt, wissen wir nicht viel über das Land. Zumindest haben wir uns schon von anderen Reisenden sagen lassen, dass man hier gut Rad fahren kann, schauen wir mal :--)

Zunächst nehmen wir aber den Bus, um von Vietnams Hauptstadt Ho-Chi-Minh bis nach Phnom Penh zu kommen, der Hauptstadt Kambodschas. Die ersten Unterschiede sind nicht groß, weniger Mopeds sind unterwegs, am Geldautomaten gibt es US-Dollar als Hauptwährung und die Menschen haben etwas andere Gesichtsformen.

Dass das Land seine unverwechselbare Geschichte hat, spüren wir ganz deutlich in den kommenden Tagen. Wenn man die heutige Generation leben und lachen sieht, kann man kaum glauben was für ein Leid und Vernichtung noch vor nicht allzu langer Zeit im ganzen Land herrschte. Während des Vietnamkrieges wurde Kambodscha Zielscheibe von starken Bombardements, um die Rückzugsgebiete der Vietcong zu zerstören. Anschließend verbreiteten die Roten Khmer unter Pol Pot von ´75 bis ´79 Angst und Schrecken. Wer eine Brille trug, eine Fremdsprache beherrschte, eine akademische Ausbildung genoss oder Arzt war, galt als Parasit der arbeitenden Bauernschaft. Fast drei Millionen Menschen wurden gefoltert und anschließend ermordet oder starben an den Folgen der Zwangsarbeit auf den Feldern. Die Folge: fast ein Drittel der Gesamtbevölkerung wurde ermordet, darunter die gesamte geistige Elite des Landes und die Infrastruktur war praktisch nicht mehr vorhanden. Was als bloße Vorstellung unfassbar erscheint, wird reeller wenn man auf den sogenannten „killing fields“ steht, auf denen die Opfer mit einfachen Werkzeugen hingerichtet wurden und noch heute Knochenreste durch den Regen an die Oberfläche gespült werden.

Heute ruhen die Hoffnungen des Landes vor allem auf einer wachsenden Textilindustrie, der Baubranche, der Landwirtschaft und dem Tourismus. 2010 reisten rund 2,5 Millionen Touristen nach Kambodscha (Quelle: BMZ), vor allem um die Zeugnisse des einstmals mächtigen Khmer-Königreiches, die Tempelanlagen von Angkor, zu besichtigen. Dorthin brechen wir jetzt auch mit unseren Rädern auf und schon nach Verlassen der Stadtgrenze wird der Unterschied zu Vietnam offensichtlich. Wir fahren nicht mehr entlang von durchgehenden Ortschaften, sondern überblicken teilweise kilometerweite Reisfelder. Die Armut der Menschen ist unübersehbar, in kleinen Tümpeln fischen Kinder mit ihren Vätern nach Muscheln, am Straßenrand werden Insekten mit Plastebehältern gefangen, um sie später zu verspeisen und auf der Straße rollen immer mehr vollgepackte Pick-Ups vorbei, von denen jeder bei „Wetten, Dass“ unter der Kategorie „Wieviele Leute passen in und an ein Auto?“ mitmachen kann und nebenbei wahrscheinlich einen Eintrag im Guinnessbuch der Rekorde bekommt.

 Wir halten am nächsten Markt an, um uns etwas zum Frühstück zu kaufen. Gleich sind wir umkreist von Kindern, die alles verkaufen was der Markt hergibt. Die wichtigsten englischen Redewendungen zur Steigerung des Verkaufs haben sie auch schon drauf:

„Hello Mister, cheap fruits“

Oder zur tieferen Konversation:

„Where are you from? “ => “Germany” => “Ah, Germany in Europe”

Was das Radfahren angeht, bietet Kambodscha wirklich gute Bedingungen. Fast alle Straßen sind gut asphaltiert mit Seitenstreifen und gelegentlich schattenspendenden Bäumen am Rand. Ein ungewohntes Gefühl im Schatten zu fahren, aber wir konnten uns damit abfinden :--) Am Wegesrand und den kleinen Straßengeschäften treffen wir immer wieder freundlich lachende Menschen, die uns neugierig beobachten. Die Kinder sind hier nicht auf den Kopf gefallen, während sie uns in Vietnam beim Vorbeifahren noch nach unseren Namen gefragt haben, den wir bei unserem Tempo nur bis zur zweiten Silbe aussprechen konnten, rufen die kleinen Kambodschaner hier gleich pragmatischer „Hello, goodbye“.     
So richtige Exoten wie noch in Vietnam sind wir hier nicht, Kambodscha ist bis jetzt unser Radreise-Land Nummer 1 was die Radler angeht die wir auf der Strecke getroffen haben. Neben zwei Australiern, die den ersten Tag auf dem Sattel saßen und schweißgebadet am Rand ihre erste Pause genossen, z.B. auch einen älteren Niederländer, der jedes Jahr die Route eines Reiseanbieters abfährt, um zu überprüfen ob die Daten noch aktuell sind (vielleicht werden die Straßen hier durch die Hitze länger ;--)

Wenn man die Armut und Einfachheit sieht unter der die Kambodschaner heute leben, fällt es schwer sich vorzustellen, dass die Khmer ein reiches Volk waren, das im 9. bis 13. Jahrhundert überwältigende Tempelanlagen erbaute, die noch bis heute als sichtbare Zeugnisse der damaligen Architektur erhalten sind. Allen voran steht Angkor Wat, als größter Tempelkomplex der Welt. Von überall schauen in Stein gehauene Gesichter auf den Besucher und in den vielen Gängen und Räumen verzieren tanzende Gestalten und Krieger die Wände. Faszinierend ist die Vorstellung unter was für einer Kraftanstrengung hier die Steine bearbeitet und zurechtgelegt wurden, um eine Anlage solchen Ausmaßes zu erschaffen. Doch auch wenn die Tempel eine Geschichte erzählen, bleiben die Entdeckergefühle heutzutage gering. Die überwuchernden Urwaldpflanzen sind größtenteils gezähmt, viele Steine sortiert, beschriftet und an ihren alten Platz befördert. Fotos ohne Touristen zu schießen wird zur Geduldsfrage, neben uns besuchen über 5.000 Menschen dieselben Orte. Immerhin schreien noch ein paar Papageien und wilde Affen vergnügen sich im Schatten.

Die Zeit an unseren Ruhetagen vergeht immer besonders schnell, neben ausgiebigen Tempelbesichtigungen stehen noch der Besuch eines schwimmenden Dorfes und zur Abwechslung mal Erholung auf unserem Plan. Abends treffen wir uns mit ehemaligen Kommilitonen von Matthias, die zurzeit auch in Siem Reap Urlaub machen. Die kleine Stadt hat ein paar nette Bars und Clubs, sodass wir die vielen Eindrücke angemessen sacken lassen können :--) Zu tief haben wir aber nicht ins Glas geschaut, schließlich warteten noch 400 Kilometer auf uns, bis wir in  Bangkok angekommen sind. Hier werden wir über Weihnachten und Silvester bleiben und unsere Akkus aufladen.

In diesem Sinne wünschen wir Euch allen besinnliche Weihnachten im Kreise der Familie und einen super Rutsch ins neue Jahr!

Viele Grüße

Patrick und Matthias

Kommentare   

 
+1 #10 Ketzlin, Petra 2013-01-26 06:56
Hallo Jungs, ich habe einiges aufzuholen. Ich habe langenicht auf Eure Seiten gesehen. Desto informativer. Das was ich hier gelesen habe bezuglich Vietnamkrieg, habe ich nicht gewußt. Eure Reiseberichte sind also nicht nur interessant was eure eigentliche Aufgabe bzw. Ziel ist, sondern wir lernen auch geschichtliches . Vielleicht haben wir es aber nur vergessen. Vielen Dank für Eure ausführlichen Reise-Berichte. Petra
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+1 #9 Heidrun 2013-01-15 20:38
Lieber Patrick,
zu Deinem Jubiläum wünschen wir Dir alles
Liebe, viel Gesundheit und noch viele erlebnisreiche Tage.
Deine Grimmlinge aus Kunersdorf
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+2 #8 Steffen und Sandra 2013-01-10 21:35
Hallo Patrick,
wir möchten uns ganz herzlich für deine postalischen Grüße bedanken. Seit eurem Start verfolgen wir gespannt eure Reiseabenteuer und freuen uns auf jeden neuen Bericht. Wir wünschen Euch noch ein gesundes neues und spannendes Jahr 2013 und sind schon sehr neugierig wie eure Reise weitergeht. Auch wünschen wir dir, lieber Patrick, am 15. Januar einen ganz besonders tollen Tag :P Wir werden auf dich anstoßen und in Gedanken weiter "begleiten". Seid ganz lieb gegrüßt von uns und bleibt gesund und munter.

Steffen und Sandra
(auch aus dem Spreewald :-) - und Grüße auch an Rita und Lutz sowie die 4 Dresdner)
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0 #7 P. Schillow 2013-01-08 02:53
@Kathrin und Frank: Wir haben die Reise mit der Transsibirische n Eisenbahn über eine Bahnagentur in Berlin gebucht. Es ist nicht üblich Räder in dem Zug mit zunehmen. Die Räder haben wir aus einander gebaut und in Taschen verpackt. In der zweiten Klasse gibt es auch keine Ablagen mehr, so dass wir für die Räder zwei extra Betten buchen mussten. Grüße in den Spreewald zurück … :-)
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+2 #6 Kathrin und Frank 2013-01-06 19:59
Hallo,
tolle Sache was ihr so hinlegt, Respekt. Wir sind durch euern Beitrag in der LR auf euch gekommen, wir warten ganz gespannt auf den nächsten Beitrag.
Kann man in der Mongolei und China bei Bahnreisen sein Rad ohne Probleme mitnehmen ?
Viel Rückenwind und Grüße aus dem Spreewald Kathrin und Frank
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+4 #5 Matthias S. 2013-01-05 16:16
Vielen Dank für die netten Grüße! Wir sind wieder ausgeruht in die Pedalen gestiegen und werden hoffentlich noch die ein oder andere tolle Erfahrung machen :lol:

Euch allen ein gesundes neues Jahr mit ebenso schönen Erlebnissen :-)
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+2 #4 Rosi u. Günter Frani 2013-01-02 14:24
Hallo ihr 2 Radler, wir waren Weihnachten in Gedanken bei euch im "Warmen". Über unser Wetter seid ihr ja ausreichend informiert, es wird langsam Frühling. Wir haben mit Interesse vor allem die Berichte über Vietn. und Kamb. gelesen. Ja auch unsere jüngere (Welt-)Geschich te weist genügend Grausamkeiten auf, man braucht nicht ins Mittelalter zurückzugehen. Bleibt weiter neugierig und berichtet so interessant, wie bishr, bleibt vor allem gesund.
Liebe Grüße aus Cottbus, RuG Franitza
P.S. Das "Kleine Spreewehr" ist zu 2/3 abgerissen
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+1 #3 Ronny und Jenny 2012-12-29 19:02
Hallo Ihr Beiden,

wir hoffen, Ihr habt Weihnachten gut verbracht. Obwohl der Schnee bis Weihnachten nicht gereicht hat, hatten wir besinnliche Tage. Wir waren wieder mit Emily (unter großem Protest)in der Kirche und haben ganz gemütlich bei Hähnchen ( :P ) und Rosmarinkartoff eln unter dem selbstgeschlage nen Tannenbaum (vom eigenen Grundstück)Weih nachten gefeiert. Zu Silvester fahren wir mit Emily und Hanna (Ronnys Nichte) ins Spreewelten Lübbenau und wollen am späteren Abend Würstchen und Stockbrot grillen und natürlich auch etwas Glühwein trinken. Übrigens gab es einen Beitrag von Euch in der Lausitzer Rundschau, der super abgekommen ist.
Wir wünschen Euch einen guten Rutsch und ein gesundes neues Jahr mit viel Kraft in den Beinen. Bleibt gesund.

Liebe Grüße aus Neu-Seeland von Jenny und Ronny
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+5 #2 Brigitte 2012-12-28 10:58
Wie immer beeindruckende Fotos.
Schön, dass es Euch gut geht. Genießt die Ruhetage und habt einen guten Start ins neue Jahr.

Gruß aus FFM
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+3 #1 Rita und Lutz 2012-12-25 07:41
Frohe Weihnachten nach Bangkok!
Was für eine schöne Weihnachtsüberr aschung ... ein neuer faszinierender Bericht und tolle Fotos ... wir bedanken uns ganz herzlich und wünschen erholsame Tage in Bangkok!
Weihnachtliche Grüße aus dem fast frühlingshaften Cottbus an euch beide ..
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