Ruhe vor dem Sturm

Kaunas (Litauen)

20. Reisetag

1.318 Kilometer

In Danzig angekommen, hatten wir uns ja zur Abwechslung den Luxus von zwei Ruhetagen gegönnt und dabei schnell festgestellt, dass das Körper und Seele sehr gut tut- quasi die Belohnung für die Strampelei. Deshalb wollen wir zukünftig einen Rhythmus von 3-4 Radtagen bei 1-2 Ruhetagen einlegen. Soviel zum Stichwort „Ruhe“. Aber auch bei ausgiebigster Chillerei gehen zwei Tage schnell vorbei und wir haben unsere Drahtesel wieder gesattelt und sind weiter gen Osten aufgebrochen.

Bisher meinte es Petrus ja gut mit uns und von Regenschauern haben wir nur am Telefon aus Deutschland gehört bzw. sie sind nachts über uns gezogen. Dies änderte sich auf der Tour in die Masuren (poln. Seenplatte) und Litauen. Irgendwo hinter Danzig sitzen wir zum Mittag in einer Dönerbude und sehen, dass Regenwolken aufziehen. Wir freuen uns wie Schneekönige, als dann die ersten Regentropfen runterprasseln, denn jetzt können wir endlich unsere neu angeschafften Super-Duper-Regenklamotten testen. Dass wir uns dabei vor Lachen kaum noch halten können liegt aber weniger an den schicken Sachen, als vielmehr an der Tatsache das Matthias‘ Funktionskleidung derzeit noch eine Nummer zu klein ausfällt :--)


Die gute Laune über das feuchte Wetter ist mittlerweile der Einsicht gewichen, dass Radfahren mit nassen Klamotten nervt. Denn auch wenn die Jacke noch so wasserdicht ist, tut der Schweiß im Laufe des Tages von innen sein Übriges. :--( Ein Highlight unserer Wasserfahrten ist, wenn entgegenkommende LKW durch die vor Wasser überlaufenden Pfützen rollen, während wir zur schlechtesten Zeit am schlechtesten Ort genau in der Wasserflugschneise fahren und so eine kostenlose Gesichtsdusche bekommen; naja wenigstens den Wasserverbrauch von bis zu 5 Litern konnten wir so etwas senken :--)

Was die enge Kleidung angeht, ist Aussicht auf Besserung abzusehen. Wir fahren meist 5 bis 7 Stunden Rad am Tag und verbrauchen dabei ca. 500 – 600 Kcal/Stunde. Diesen Kalorienverbrauch können wir auch mit ausschweifenden Essgelagen nur schwerlich dem Körper zuführen. Deshalb der Tipp für alle, die vergeblich Diäten ausprobieren – einfach den Tag lang Radfahren, dann braucht man auch nicht mit der Butter sparen :--)
Apropos Essen, wir haben mittlerweile schon die eine oder andere polnische Spezialität lieben gelernt – besonders das Schweinefleisch, Flaki (in Streifen geschnittener Rindermagen) und Borschtsch(Rote Beete Suppe) haben es uns angetan. Dabei nicht mithalten konnte das schimmelige Brot aus dem Supermarkt – gut, dass wir erst eine Scheibe gegessen hatten :--(

So, zurück zur Tour. Auf unserer Route zu den Masuren sind wir auch auf historischen Pfaden unterwegs gewesen. In der Nähe von Rastenburg (Ketrzyn)liegt das ehemalige Führerhauptquartier aus der NS-Zeit „Wolfsschanze“, das wir einen Vormittag lang besichtigt haben. Auch wenn heutzutage tlw. nur noch die Reste der zahlreichen Bunker stehen, sind die Dimensionen schier unglaublich und geben einen guten Eindruck über die damaligen Zeiten. Diesen Eindruck haben wir gleich nochmal am eigenen Leib spüren können, als wir uns beim Rückweg auf die Hauptstraße für eine andere Route entschieden haben, um dann feststellen zu müssen, dass das Kopfsteinpflaster offensichtlich auch aus der Vorkriegszeit stammt und bestimmt noch die nächsten Jahrhunderte überleben wird – für eine Ganzkörpermassage ist es auf jeden Fall das beste Pflaster :--)

Nach vier Tagen und 300 Km haben wir dann die Seenplatte erreicht und uns passenderweise einen Zeltplatz am See gesucht. Was uns hier bei der Bezahlung der Camping-Gebühren passiert ist, kommt sonst nur in schlechten Kurzfilmen vor: Nicht nur, dass wir von drei Personen jeweils an einen anderen Verantwortlichen verwiesen wurden – vom Toilettenwerter zum Kioskbetreiber zur Frau des Toilettenwärters (War sie das?) zu einem rumlaufenden Mann. Der fühlte sich dann schließlich verantwortlich unser Geld entgegenzunehmen. Wir waren happy, bis der Toilettenwärter 2 Zloty (50 Cent) für den Gang auf die Holzbude verlangt. Schnell ist verhandelt, dass das doch in der Camping-Gebühr inkludiert sein sollte. Abends werden dann erneut 2 Zloty veranschlagt- diesmal für das Waschen des Geschirrs. Da hörte der Spaß langsam auf. Das wurde am nächsten Tag aber noch getoppt. Der rumlaufende Mann (der Tags zuvor noch das Geld entgegennahm) war nicht mehr da und nach erneuter Suche nach einem Verantwortlichen sind wir bei einem älteren Herrn angekommen, der offensichtlich zu viel vom polnischen Wodka probiert hat und statt uns beiden nun drei Leute gesehen und berechnet hat. Wüste Schimpftiraden später kam uns dann schließlich der Toilettenwärter zur Hilfe und korrigierte den Preis wieder auf zwei Personen.

Ende Gut alles Gut, außer beim Wetter. Bei regelmäßigen Regenschauern ging es für uns weiter Richtung Nordosten. Wir haben es uns angewöhnt, bei den ersten Regentropfen die nächste Bushaltestelle anzufahren und den Schauer abzuwarten, so können wir möglichst lange trocken bleiben und die Trockenzeiten zum „Kilometerschrubben“ nutzen. Mit dieser Technik haben wir uns von den Masuren bis nach Litauen vorgestrampelt – das erste uns bisher unbekannte Land:--) Von unseren Erlebnissen hier berichten wir dann beim nächsten Mal….

Bis dahin viele Grüße von Patrick und Matthias

 

Kommentare   

 
+3 #4 Anna 2012-07-26 14:14
Hey ihr Zwei,
gratuliere zur Überschreitung der ersten 1.000km!!! Toll gemacht!

Wünsche euch weiter gutes Gelingen und weniger Regen :P

Grüße aus Muc,
Anna
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+4 #3 stefan k. 2012-07-21 13:03
Abendessen am Steg sieht aus wie in Goyatz, die Bilder sind einfach der Hammer! Ich fahre mitte august los, vlt hole ich euch irgendwo ein :-P
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+3 #2 MatthiasF 2012-07-21 07:24
wow!

sehr schön. richtig interessant zu lesen, was ihr schreibt, man denkt, man ist dabei... sehr interessant, welche Erfahrungen man erst beim Fahren macht (bzgl. Rhythmus, Regentouren und Campinggebühren ... ha ha)

Sehr gut sind auch die Bilder, wenn man von leicht verwaschenen, überbelichteten Himmelanteilen absieht... die Motive und Momente sind perfekt gewählt und mit ein bisschen Bearbeitung sind sie reif für ein Buch!

Live View ist auch ne gute Idee;) Nur nicht übermütig werden...

Klasse!!!

cu
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+3 #1 Brenner 2012-07-21 04:03
Sehr ansprechende Berichterstattu ng und eine sehr coole Tour. Ich wuensche euch viel Kraft (physisch und psychisch) fuer die vor Euch liegenden Kilometer.
Wie bereits erwaehnt, meldet euch bei Katrin aus Tallinn, wenn ihr ne Unterkunft in Estonia braucht. Sie wartet auf eine Nachticht.
Beste Gruesse und Sport frei!
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