Eine Zugfahrt die ist lustig, eine Zugfahrt die ist laaaang

 

=>   Moskau - Irkutsk

 

Peking (China)

71. Reisetag

2.696 Kilometer

(Zug: ca. 8.600 KM)  

 Langsam schlaengelt sich der Zug Richtung MongoleiMythus Transsibirische Eisenbahn – die längste und legendärste Eisenbahnroute der Welt ist gewiss eines der Highlights unserer Tour. Mit dem Flieger kann man die Strecke in einem Bruchteil der Zeit zurücklegen, aber die Eindrücke der endlosen Weiten während der Fahrt zwischen den Kontinenten bleiben einem dabei verwehrt! 
„Wer langsam fährt, kommt weiter“ – das russische Sprichwort trifft auf die Fahrt mit der Transsib im Besonderen Sinne zu. Nicht nur, dass die Züge mit Schneckentempo an den Birkenwäldern der Taiga und den endlosen Weiten Sibiriens vorbeituckern, es wird dabei auch eine Distanz zurückgelegt die in Europa vom Nordkap bis Gibraltar reicht.

Unsere aufkeimenden Phantasien über die bevorstehende Fahrt mit der Kult-Eisenbahn und deren entspannter Atmosphäre müssen wir aber noch einen Moment hintenanstellen. Zunächst gilt es mit Sack und Pack zum Moskauer Bahnhof zu kommen. Schnell ist ein Taxi organisiert, bei unserem Gepäck bleibt hier aber nur noch Platz für einen von uns, der andere muss die U-Bahn nehmen. Die Moskauer Metro ist nebenbei gesagt sehr sauber und einige Haltestellen sind dank ihrer schmucken Innenräume eigene Sehenswürdigkeiten.

Am Bahnhof angekommen steigt unser Adrenalinspiegel. Nicht unbedingt weil wir den Zug erblicken, vielmehr haben wir Angst, dass wir mit dem gesamten Gepäck nicht einsteigen dürfen. Für den Notfall haben wir auf einen Zettel ein paar nette Sätze auf Russisch vorbereitet und ein Bündel Rubel parat gelegt. Aber alle Bedenken sind umsonst, der Einstieg wird uns gewährt, wenn auch nicht gerade mit einem Strahlen der Schaffnerinnen quittiert. Drinnen angekommen, treffen wir dann auf die Realität, in der wir die nächsten vier Tage und drei Nächte leben werden – 3. Klasse, auf Bahnrussisch „platzkartny“, auf Deutsch: 54 mittelgroße Pritschen, die in eine Art Schlafsaal auf Rädern gequetscht sind. Hier wird alles geteilt, nicht nur die beiden Toiletten, die sich jeweils am Wagonende befinden, sondern auch Gerüche und Geräusche. Privatsphäre ist hier gleich Null, dafür reisen wir so volksnah wie selten zuvor. 
Nach der ersten Stunde wechseln wir von der Eingewöhnungsphase in die Kennenlernphase, wir gehen auf die Suche nach den essentiellen Teilen der Reise: dem Fahrplan mit allen Stopps, dem Wasserboiler für die Tütensuppen und dem Speisewagen. Die Schaffnerinnen sprechen schonmal kein Wort Englisch, also versuchen wir bei den Abteilgenossen mit unserem russischen Spickzettel weiterzukommen und siehe da gleich beim ersten Versuch landen wir einen Volltreffer! Georgi, Soldat aus Moskau ist auf Familienbesuch unterwegs und freut sich sichtlich sein Schulenglisch endlich in der Praxis anwenden zu können :--) Er wird in den nächsten 80 Stunden Zugfahrt zu unserem Dolmetscher, Ratgeber, Englisch-Schüler und Freund.

Der Beweis, dass eine Bahnfahrt auch lustig sein kann :-)Aber erst einmal freuen wir uns auf unsere erste Nacht in der Transsib. Durch das gleichmäßige Rattern des Zuges werden wir auch schnell in den Schlaf gewiegt. Noch schneller sind wir aber wieder auf den Beinen, als um Mitternacht eine Gruppe von Männern in unser Schlafbereich kommt, den wir bisher nur mit einer süßen Omi teilen mussten. Von Nachtruhe scheinen die noch nichts gehört zu haben, so diskutiert der neue Abteilgenosse lauthals mit seinen Helfern und tritt mir dabei ohne es überhaupt wahrzunehmen auf den Fuß. Meinen folgenden tritt hat er dann schon eher gespürt :--) Nach einer halben Stunde kommt dann auch der alte Herr zur Ruhe, sodass wir wieder unseren verdienten Schlaf antreten können. Dieser wird zwei Stunden später abermals gestört, als eine Familie zusteigt und es sich erst einmal auf beiden Unterbetten gemütlich macht. Da hilft nichts, es muss wieder ein sanfter Fußtritt deutlich machen, dass es auch Leute gibt die versuchen zu schlafen. Spätestens jetzt wissen wir, wie volksnahes Reisen in der Praxis aussieht :--)

Am nächsten Tag, unser Realitätssinn ist mittlerweile schon größer, gehen wir gar nicht erst auf die Suche nach einer Dusche. Stattdessen muss ein Lappen für die morgendliche Wäsche herhalten. Viel Zeit bleibt dafür aber nicht, schließlich warten draußen meist schon andere Reisende. Die Toilettengänge müssen ohnehin geplant werden, denn die Türen werden von den Schaffnern bei der Durchfahrt größerer Orte gnadenlos zugesperrt, damit die Notdurft nicht auf die Gleise fällt.    

Am Tag vertreiben wir uns die Zeit mit schlafen, lesen, aus dem Fenster gucken, essen und diversen Gesprächen. Fürs Essen gibt es prinzipiell drei Optionen: Tütensuppen mit Instant-Nudeln, der Besuch des Speisewagens (hier passen Preis und Leistung allerdings nicht zusammen) und schließlich die einheimischen Frauen an den Bahnsteigen, die selbst gemachte Piroggen, Kartoffeln mit Hühnchen, Fleisch und Fisch verkaufen. Unsere Ernährung wird fortan aus einer Mischung aus allen dreien bestehen.

Zur Konversationen haben wir neben unserem russischen Freund noch sechs Franzosen kennengelernt, die wie wir auf dem Weg zum Baikalsee sind. Zusammen verbringen wir die nächsten zwei Abende in einem Zwischenabteil - standesgemäß mit Wodka und Bier, was die durchlaufenden Schaffnerinnen regelmäßig die Haare zu Berg stehen lässt, schließlich sind sie von ihren einheimischen Fahrgästen einige Alkohol-Eskapaden gewöhnt. Nicht so bei uns, wenn die Flaschen leer sind, gehen wir brav ins Bett und schlafen leicht angeheitert rasch ein.       

Impressionen BaikalseeNach 80 Stunden und 5.200 Kilometern erreichen wir schließlich Irkutsk, das Tor zum Baikalsee. Vorerst haben wir genug vom Zugfahren und freuen uns auf die wunderschöne Natur. Nach einer Nacht in der kaum sehenswerten Stadt schwingen wir uns deshalb zügig auf die Räder, um die 70 Kilometer zum See zurückzulegen. Die Euphorie verfliegt allerdings, als wir den ersten Anstieg sehen und ahnen, dass es nicht der letzte sein wird. Nach über eine Woche ohne sportliche Aktivitäten fällt es uns doch sehr schwer voranzukommen, schließlich müssen wir auf dieser recht kurzen Strecke über 1.100 Höhenmeter überwinden. Als wir um halb zehn abends ankommen, hat es sich merklich auf 10 Grad abgekühlt. Umso froher sind wir, unsere französischen Freunde (5 sind übrig geblieben) wiederzutreffen. Mit ihnen werden wir die kommenden dreieinhalb Tage am Baikalsee verbringen. Zu unserem Glück sind zwei Jungs ausgebildete Köche aus Paris, sodass unserer wohlschmeckenden Verpflegung nichts mehr im Wege steht. Schließlich bietet der Baikalsee, der nicht nur der tiefste See der Welt, sondern auch das größte Süßwasser Reservoir der Erde ist, auch ausreichende Fische die wir verspeisen können. Ganz oben auf dem Speisezettel steht hier der Omul, der ausschließlich hier lebt und bei uns in der Folge sowohl geräuchert, gedünstet, als auch gegrillt auf den Tisch kommt.       
Die Hälfte der Zeit verbringen wir mit der Vorbereitung unserer abendlichen Barbecues, schließlich muss eingekauft, Feuerholz gehackt, der Grill angeschmissen und die Mahlzeiten zubereitet werden. Die restliche Zeit verbringen wir am wunderschönen See, erst mit Steine werfen, später mit einem Sprung ins glasklare Wasser. Das lädt mit ca. 12 Grad nicht gerade zu ausgiebigen Schwimmübungen ein, soll aber das Leben verlängern :--) Das soll ja bekanntlich auch ein Glas Wein. Gleich eine ganze Flasche Bordeaux bekommen freundlicherweise von einem französischen Ehepaar geschenkt. Ursprünglich nur nach den Wetteraussichten angesprochen (an dem Tag hat es nur geregnet), halten wir danach eine längere Konversation zusammen mit unseren Freuden über unsere verschiedenen Reiseplanungen. Als Dank für die nette Unterhaltung kaufen sie uns den Tropfen und geben uns noch die Kontaktdaten ihres Sohnes mit, der in Vietnam hochwertige Schokolade herstellt. Franzosen sind eben doch mit Leib und Seele Feinschmecker ;--)

Trotz der ganzen Futterei fällt uns der Rückweg nach Irkutsk merklich leichter als noch der Hinweg. In der Stadt angekommen, haben wir noch eineinhalb Tage um uns für die Weiterfahrt mit der Transsib vorzubereiten, das heißt Wäsche waschen, die nächste Unterkunft raussuchen und die Räder auseinanderbauen. Vor uns liegen zur Abwechslung mal wieder 33 Stunden Zugfahrt mit zwei Übernachtungen, um in die Mongolei zu kommen. So ein bisschen vermissen wir das Eisenbahnfahren auch schon wieder :--)

 

Beste Gruesse an alle

Patrick und Matthias

Kommentare   

 
+1 #14 Matthias S. 2012-09-16 15:22
@ Simon: Servus und Danke mein Guter, schön, dass du die Tour verfolgst. Kommen bald in Gefilde, die du auch schon bereist hast ;-) Bis bald in FFM :-)

@Matthias F.: :-) Mein persönliches Seen-Jahr. Mal schaun was noch alles kommt...
Bin gespannt was in FFM läuft! Da gibt's ja auch einen See- Langener Waldsee 8)
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+2 #13 MatthiasF 2012-09-15 16:08
zitiere Matthias S.:
@ Matthias F. :

Kirnbergsee ist fast so schoen wie der Baikalsee:lol:

Mongolei ist auch top - Bericht kommt bald! :-)


der Vergleich Kirnbergsee vs. Baikalsee ist wohl erstmalig auf dieser Welt passiert und niemand hat beide Seen im gleichen Jahr bereist, jede Wette...

und dann noch Bodman und Bodensee...Hamm er, wieviel in ein Jahr geht (in Punkto Seen...)


auf die Mongolei freuen sich alle! Aber der Baikal wird niemal getoppt oder?

hier wird gerade auch alles getoppt... kaum zurück, nur Topnachrichten. .. mehr dazu mal per Mail;)
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0 #12 Patrick S. 2012-09-15 03:58
@Familie Franitza
Hey, die ganzen Komplemente gehen runter wie Öl. Wir freuen uns immer sehr über so nette Kommentare zu unseren berichten… Bilder werden auch in den nächsten Wochen nicht weniger die Mongolei und China sind klasse… ihr könnt gespannt sein… Grüße aus China/Shanghai :lol:
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+2 #11 R&G Franitza 2012-09-14 19:37
Hallo ihr Weltenbummler, wir verfolgen eure spannende Reise mit Interesse und freuen uns schon auf das Buch! Eure Schilderungen sind spritzig und schon fast druckreif. Gratulation. Nur die Bilder konnten wir uns noch nicht alle ansehen. (Rentner haben wenig Zeit...) Stimmt aber, denn diese Woche hatten wir unsere Enkelin wieder zur "Erholung" bei uns - da geht es rund. Macht aber auch viel Freude. Und ihr? Macht weiter so, viel Glück und bleibt gesund. Grüße von den Nachbarn aus CB.
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+3 #10 Simon 2012-09-14 17:09
Servus Matthias,
bin tief beeindruckt von der Tour, Euren Fotos und Berichten. Da packt mich auch das Fernweh ...
Passt auf Euch auf, freue mich auf weitere Logbucheinträge , auf bald und liebe Grüße aus Frankfurt,
Simon
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0 #9 Matthias S. 2012-09-14 10:59
@ Matthias F. : Hatte mich schon gewundert wo deine Kommentare bleiben :-) Aber stimmt Balaktour im September - wieder neue Schnappschuesse fuer IG ;-)
Omul ist fast so gut wie Felchen - Schimmele gabs aber nicht und meistens sind die Fische schon geraeuchert - mussten eine Weile nach frischen suchen.

haha, ein paar Gewohnheiten muss man sich in der weiten Welt beibehalten 8)

Kirnbergsee ist fast so schoen wie der Baikalsee:lol:

Mongolei ist auch top - Bericht kommt bald! :-)
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+5 #8 MatthiasF 2012-09-13 15:42
wow, nach 3W offline - war selber auf Abenteuertour um die Ecke aufm Balkan - seid ihr schon am Baikal durch, Respekt... 3 neue Berichte, schön!

Eure Kamera wird auch immer besser, die Bilder der Zugfahrt zum Baikal sind klasse und die Impressionen vom Baikalsee sind genauso, wie sie nur von dort sein können: das Licht, die Schiffe, das Wasser und die Berge sind einmalig, da hätte ich mich nur schwer wieder trennen können... grade weil es die Baikal-Felchen (Omul) bestimmt günstig gibt...sehr lecker... schade, dass ihr weiter müsst;)

interessant ist auch, dass die Attitüden - körperlicher Art - bei MatthiasS wiedererkennbar sind... - wie im Büro morgens - baummelt der Ipod Kopfhörer...

mal schauen, ob der Baikal-Höhepunk t noch getoppt wird auf der übrigen Tour... (Mont Ventoux ist außer Konkurrenz;))))
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+1 #7 Matthias S. 2012-09-13 07:23
Danke für die lieben Kommentare!
@Stefan:treffen ständig Franzosen- mit denen hättest du dich auch gut verstanden
@Tina: danke :lol: das freut uns! Und Klasse das die
Karte angekommen ist, hoffe ihr könnt
Meine Schrift lesen :-*
@Kathrin: da freue ich mich ja, wenn dein Tag etwas verschönert wird :-) Beim konzert hätte ich gerne mitgerockt! Hast du hoffentlich für mich mitgemacht!hoff e die Karte geht auch ohne Briefmarke 8) Der Wink kommt noch :lol:
Liebe Grüße
Matthias
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+5 #6 Kathrin 2012-09-12 15:58
Hey Matthias,
ich finde eure Seite echt genial, so mancher Arbeitstag startet mit einem Blick auf eure Seite, ob es wieder neue Fotos oder einen witzigen Resiebericht gibt!!! Vielen lieben Dank auch noch mal für deine Karte, hab mich sehr darüber gefreut...ich hoffe, ihr genießt weiterhin die Reise und lasst Euch nie unterkriegen... hab am Montag mit Maj Weinche getrunken und hatte direkt einen Kater am nächsten Morgen...aber war sehr lustig...gibst du mir übrigens noch den Überraschungswink?!?
Ganz liebe Grüße aus Frankfurt...heu te Abend wird das Of Monsters and Men-Konzert gerockt...wär cool, wenn du auch dabei wärst, wie in alten Zeiten!!!
Vermiss dich!
Kathrin
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+2 #5 Tina 2012-09-12 13:33
Und fast hätten wir es vergessen! vielen dank für eure karte aus st. petersburg. war mal eine freudige abwechslung im sonst so tristen briefkasten!
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