Rad fahren durch Vietnam – zwei Beine sind hier nicht genug

Hoi An (Vietnam)

136. Reisetag

3.616 Kilometer

(Zug: ca. 13.500 KM)

Endlose Serpentinen, nervig hupende Reisebusse und jetzt fängt es auch noch an zu regnen, unseren Start in Vietnam haben wir uns anders vorgestellt. Zur Aufmunterung geht’s rechts ran zum Mittagessen, doch zur Steigerung unserer Laune kann das uns vorgesetzte Mahl nicht beitragen. In einem Topf ist etwas schlammiges, auf dem Teller liegen Gedärme, dazwischen Chilisaucen und Reisschnaps in einer Plastikflasche. Hier passt das Sprichwort, „Der Hunger treibt‘s rein“ wie die Faust aufs Auge oder besser, wie der Topf auf den Deckel :--)

Nächste Station ist Hanoi, Vietnams Hauptstadt am Roten Fluss. Schon am ersten Tag haben wir den Eindruck, dass jeder der 6,5 Millionen Einwohner auf Mopeds unterwegs ist, denn meist sitzt nicht nur der Fahrer auf der Bank sondern gleich die ganze Familie mit Kindern. An Verkehrsregeln halten sich wenige, falls es überhaupt welche gibt. Zumindest nicht die uns bekannten, Vorfahrt hat der, der sie sich nimmt und Ampeln werden oft nur als bunte Straßenbeleuchtung angesehen. Faszinierend bei dem ganzen Gewusel ist, dass wir unbeschadet über die Straße gehen können, während die Mopeds um uns herum manövrieren. Wenn wir auf den Rädern unterwegs sind, schwimmen wir einfach im Strom der Blechlawine mit und sorgen dabei für allerlei interessierte Blicke. Für die Asiaten ist es generell unvorstellbar, was einem dazu antreibt mit dem Rad zu reisen, wo es doch motorisierte Gefährten gibt… Rad fährt hier nur, wer sich kein Moped leisten kann oder noch zu jung dafür ist. Einen Vorteil hat diese Einstellung, unsere Räder werden nicht als Wertgegenstände erachtet und fallen daher nicht ins Beuteschema von potentiellen Langfingern. Den richtigen Preis für die beiden Drahtesel kommunizieren wir auf Nachfrage auch erst, wenn wir uns verabschieden, dann ist die Überraschung immer groß:--)

In Hanoi nutzen wir zum ersten Mal die Möglichkeit per „Couchsurfing“ kostenlos bei einem Gastgeber zu übernachten. Auf einen Eintrag in der hiesigen Gruppe, meldet sich Long. Er ist von unserer Tour begeistert und lädt uns für zwei Tage in das Haus seiner Familie ein. Zusammen verbringen wir zwei unterhaltsame Abende mit Gitarre spielen (vorzugsweise Long) und in der Stadt mit 20-Cent-Bier trinken (der Toilettenbesuch beim anliegenden Grundstück kostet vergleichsweise teure 12 Cent – clevere Geschäftsidee :--)

 

Ein weiteres Highlight, auf das wir uns schon lange gefreut haben, ist der Besuch des nationalen Kinderkrankenhauses, das wir dank der zahlreichen Spenden bereits mit knapp 900 Euro bei der Anschaffung dringend benötigter Geräte unterstützen konnten. Dr. Dung, ihres Zeichens stellvertretende Leiterin der Neugeborenstation, nimmt sich eine Dreiviertelstunde Zeit, um uns ihre Abteilung mitsamt der von den Spenden erworbenen Gerätschaften zu präsentieren. Wir freuen uns sehr zu sehen, dass die Spenden sinnvoll eingesetzt werden. Bedarf ist dafür an vielen Stellen, so wird der dringend benötigte Anbau derzeit geplant, um dem großen Patientenandrang gerecht zu werden (aktuell 265 kleinen Patienten stehen nur 100 Krankenbetten zur Verfügung). Auch bei lebenswichtigen Operationen, die von den Familien nicht bezahlt werden können ist Dr. Dung und ihr Team auf Spenden angewiesen. Wir treffen auch eine junge Deutsche, die hier Freiwilligendienst ableistet und erfahren etwas vom Arbeitsalltag.    
Trotz der vielen Maßnahmen, ist der Unterschied zum westlichen Standard noch gravierend und wir schätzen unsere gesundheitliche Versorgung daheim noch mehr. Mit einem positiven Eindruck bedanken wir uns bei Dr. Dung und machen uns auf den Heimweg. In diesem Sinne, nochmal vielen Dank an die vielen fleißigen Spender, die das ganze erst ermöglicht haben! Das zweite Projekt – der Kindergartenbau in Südvietnam – können wir hoffentlich Ende November in Augenschein nehmen.

 

Damit ist unsere Stimmung nach dem schwierigen Start in Vietnam wieder gehoben. Noch besser geht es uns aber verständlicherweise als wir Besuch von Katrin und Maj bekommen, mit denen wir einen Urlaub im Urlaub einschieben :--) Zusammen geht’s zur Halong Bucht, die mit hunderten Kalksteinfelsen zum UNESCO Weltnaturerbe zählt. Dafür nehmen wir den beschwerlichen von Schlaglöchern gespickten Weg auf uns – für die 140 KM braucht der Bus daher ganze vier Stunden und wir fühlen uns durchgeschüttelt wie nach einem Rodeo-Ritt. Aber der Aufwand lohnt sich, im Anschluss betreten wir das Holzboot, auf dem wir die kommenden zwei Tage rumschippern werden. Zum Ausruhen bleibt jedoch kaum Zeit, die Tage sind mit Höhlenbesichtigungen, Paddel-Touren und einer Hügelbesteigung durchgeplant. Zwischendurch gibt es sehr schön angerichtete Mahlzeiten – Fisch, Meeresfrüchte, Fleisch und Gemüse werden mit netten Deko-Elementen aufgetischt. Die Abende sind dank interessanter Gespräche mit den anderen Passagieren, Tintenfischangeln und Karaoke auch sehr kurzweilig und so fällt es uns schwer nach zwei Nächten wieder ins hektische Hanoi zurückzufahren.        
Hier angekommen, verabschieden wir uns voneinander, Katrin und Patrick zieht es zuerst in den Norden zum Bergdorf Sapa, während Maj und Matthias weiter Richtung Süden in die alte Hauptstadt Hue fahren. Für die nächsten 2 bzw. 3 Wochen steht nochmal eine Mischung aus Erholung und Sightseeing an den ausgewiesenen Touristenplätzen auf dem Tagesplan. Auf diese Weise lernen wir Vietnam von zwei Seiten kennen, zuerst die typischen Touristenorte, später dann mit den Rädern auch die kleinen Ortschaften, die von Touristen in der Regel umfahren werden.     


Wie immer, wenn es schön ist, geht die Zeit zu schnell vorbei :--( Die Ruhezeit ist jetzt vorbei, es geht wieder aufs Rad! Oh Mann, alle Schmerzen, die wir schon bei der Fahrt durch Polen erfahren mussten, kommen wieder. Hinterteil, Rücken, Beine…. So, jetzt aufhören zu jammern, schließlich gibt es unterwegs einiges zu sehen, dass davon ablenkt. Wir sind immer wieder erstaunt, was man alles auf einem Motoroller transportieren kann. Sind es in Hanoi noch überwiegend Menschen, hängen auf dem Land auch mal lebende Schweine oder ganze Baumstämme auf der Sitzbank. Was für uns interessant, weil ungewohnt, ist für die Vietnamesen Alltag. Viel spannender sind da schon zwei Weiße, die auf vollgepackten Rädern auf Vietnams Hauptstraße durch das Land radeln. Jeden Tag rufen uns hunderte „Hello“ oder sonst was zu, besonders Kinder freuen sich uns zu sehen :--) Nach etlichen Armwinken reduzieren wir unsere Grüße auf Kopfnicken und Fingerheben, schließlich brauchen wir unsere gesamte Kraft zum Vorankommen :--) Trotz dieser vermeintlich gastfreundlichen Einstellung, machen wir die Erfahrung, dass die Vietnamesen oft ein Geschäft wittern und versuchen uns das Geld aus der Tasche zu ziehen. Mal ist das mehr offensichtlich, wenn drei Leute darüber diskutieren was sie für ein Abendessen berechnen sollen und eine zwei einfach mal in eine drei geändert wird, mal ist es subtiler und wir bekommen es wahrscheinlich nicht immer mit.           
Beim Thema Essen hält sich die Abwechslung in Grenzen, was aber nicht an unserer fehlenden Probierfreundlichkeit liegt, sondern am fehlenden Angebot. So landen regelmäßig Reis, Schweine- oder Rindfleisch und etwas spinatartiges auf unseren Tellern, zum Mittagessen gibt es Suppe mit Nudeln und Fleisch. Mit unseren Sprachkenntnissen scheitern wir leider bereits bei den einfachsten Wörtern. Suppe mit Rind heißt „Pho Bo“, einfach zu merken, aber aufgrund der vielen Tonhöhen die das Vietnamesische kennt, schaffen wir es nie (also wirklich nie) es so auszusprechen, dass uns jemand versteht. Hier kommen Hand und Fuß zu Hilfe und unsere Tabu-Erfahrungen – Zeichnen, Zeigen und Nachahmen (Huhn) – sind regelmäßig sehr hilfreich. Das hat regelmäßig zur Folge, dass wir in die Küchen gehen, um unsere Wunschspeisen zusammenzustellen. Was wir dabei
zu sehen bekommen, würde sicher den ein oder anderen dazu bringen Reißaus zunehmen oder schlimmer noch, gleichmal das Frühstück vor Ort zu lassen :--) Manchmal sind wir uns nicht sicher, ob wir in einer Küche oder einem Streichelzoo sind, neben uns laufen gackernd zwei Hühner um die Wette, hinten sielen sich drei grunzene Schweine auf dem Boden und auf der anderen Seite liegen zwei Hunde und Katzen. Mittendrin ist die Küchenzeile, die anscheinend das letzte Mal im vergangenen Jahrhundert mit Wasser und Reinigungsmittel in Kontakt gekommen ist. Aber wählerisch können wir hier nicht sein und bisher haben wir nach den Besuchen auch noch keine Magenprobleme bekommen :--) Also Guten Appetit!

 

Bei den Übernachtungen machen wir auch „interessante“ Erfahrungen. Zelten ist in Vietnam nicht möglich, zum einen gibt es fast keine Stellflächen die nicht als Feld bewirtschaftet werden und zum anderen besteht Registrierungspflicht, sodass wir auf Hotels angewiesen sind. Hier erleben wir von ausgefallenen Klimaanalagen, was dazu führt, dass alle Hotelgäste „fliehen“ (außer uns, schließlich ist es stockdunkel und kein anderes Hotel weit und breit), über klemmende Zimmertüren, die wir aufbrechen müssen, bis hin zu Dienstleistungen anderer Art, so einiges. Mit den „Dienstleistungen“ war das so, Matthias – zu der Zeit noch allein unterwegs – erblickt nach 70 Km glücklich ein Hotelschild. Bei der Frage nach einem Zimmer und dessen Begutachtung, werde ich von der jungen Dame rein gebeten und zu einer älteren Dame (offensichtlich die Mutter) geführt. Ich deute ihr mit Handgesten meine Absicht an, ein Zimmer zum schlafen zu nehmen. Sie ist gleich happy und deutet auf die Tochter und mich und macht dann die gleiche Geste. Ich lehne dankend ab, die Mutter streichelt daraufhin zum Abschied noch meinen Bauch… Etwas irritiert fahre ich weiter. Zum Glück habe ich mir am Vorabend ein anderes Hotel im Internet rausgesucht. Nach weiteren 10 Km erreiche ich die Holzbehausung am Meer. Hier das gleiche Spiel. Ich: schlafen hier, looki looki Zimmer!? Sie: Ja klar, mit mir! Ende gut, alles Gut nach weiteren 10 Km finde ich ein Hotel, das auch Zimmer ohne Extra Service anbietet :--)

Von diesen Zwischenfällen abgesehen, ist unser Radalltag recht unspektakulär, wir haben uns angewöhnt früh aufzustehen (gegen 6 Uhr), um der Hitze etwas aus dem Weg zu gehen. Schon klar, bei Euch Daheimgebliebenen werden wir hierfür kein Mitleid erwarten können, aber 30 Grad ab 10 Uhr, die im Laufe des Nachmittags auf 35-40 ansteigen und dabei 80-90 Prozent Luftfeuchtigkeit sind kein Zuckerschlecken, wenn man dabei sportlich aktiv ist. Da freuen wir uns manchmal sogar auf Regenschauer, die die Temperaturen auf ein erträgliches Niveau senken.           
Die Strecke ist ansonsten gut zu befahren, wir bleiben auf dem Highway 1, der von Nord- nach Südvietnam durchführt. In der Regel ist das Profil flach, Ausnahmen sind Gebirgspässe, so wie der Wolkenpass vor Danang. Nachdem wir zwei kleinere Hügel überfahren haben, steht der dritte, große bevor. Doch wir sind zum Glück gut vorbereitet und können etwas abkürzen, der extra für Mopeds eingerichtet Shuttle Service bringt uns durch den längsten Tunnel Süd-Ost-Asiens und erspart uns die 20 Kilometer über den Pass. So schaffen wir es, unser angepeiltes Tagesziel von 100 Km zu erreichen ohne fahruntauglich anzukommen.         
Ruhetage wollen wir nur in Orten einlegen, die über eine gewisse Touri-Infrarstruktur verfügen und damit eine größere Speisenauswahl anbieten, damit wir ab und zu den Standardessen entfliehen können. Deshalb machen wir in der alten Hauptstadt Hue mit der noch erhaltenen Zitadelle, sowie in Hoi An mit der wunderschön beleuchteten Altstadt Halt und ruhen unsere müden Knochen aus. Hier sind wir nur zwei unter vielen Touristen und haben mal Ruhe vor den neugierigen Blicken der Vietnamesen, was aufgrund der dichten Besiedlung normalerweise nicht der Fall ist. Es existieren kaum geschlossene Ortschaften, stattdessen verteilen sich die Häuser in der kompletten Landschaft am Highway 1. Diese Zersiedelung macht es uns kaum möglich ein ruhiges Fleckchen für eine Pause zu finden. Also heißt es schnell wieder, ab aufs Rad und weiter strampeln, schließlich haben wir ein Ziel vor Augen: Ho Chi Minh (ehemals Saigon), 1.800 Km südlich von Hanoi. Wir werden euch weiter berichten wie es uns dabei ergeht und was wir erleben:--)

Bis dahin beste Grüße an alle

Patrick und Matthias

Kommentare   

 
+1 #6 Ulrich Schmerl 2012-11-28 21:04
Heute habe ich eure Postkarte,welch e als Dank für die Spende galt,erhalten.S ie war datiert vom 03.10.2012.
Ich habe mich sehr gefreut über diesen netten persönlichen Kartengruß.
Wünsche euch weiterhin viel Freude beim Radfahren. :D
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+1 #5 Ronny&Jenny 2012-11-25 14:22
Hallo Ihr Zwei,

Hut ab vor eurer Ausdauer. Nach Vietnam werden wir nie kommen. Eine Wahnsinns-Lands chaft. Toll, dass ihr das erleben dürft, auch wenn es anstrengend ist. Das Wetter hier ist auch noch recht mild für November (10°C). Ronny hatte jetzt 14 Tage für sich ganz allein Urlaub. War im Wald, Feuerholz machen. War also fast so spannend wie bei euch. Bezüglich des Fahrradgeschäft es P. ist mal wieder der Notstand ausgebrochen. Der Mitstreiter wurde wieder entlassen und Ronny kämpft allein auf weiter Flur den ganzen Winter. Momentan hat er ja Zeit, sich Gedanken über den "Schönsten Weihnachtsbaum" der Bahnhofstraße zu machen, und es geht gut voran. Es entsteht aus Fahrradfelgen. 8)

Liebe Grüße und haltet durch
Jenny und Ronny

Liebe Grüße und
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+2 #4 Ulrich Schmerl 2012-11-20 18:21
Hallo ihr Weltenbummler!
Es ist immer wieder wunderschön ein weiteres Lebenszeichen von euch zu hören.
Mit den Eßspezialitäten hätte ich Schwierigkeiten meinen Hunger zu stillen,aber euch bekommt es ja bestens.
Von dem warmen Wetter könnt ihr mal 15° nach Cottbus schicken.
Liebe Grüße und weiterhin eine gute Fahrt :roll:
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+2 #3 Julius 2012-11-18 19:12
Wir hoffen ihr habt Spaß... :) in jedem Fall sieht es nicht so aus als wär euch langweilig^^

Wir beneiden euch schon ein wenig.
Passt auf euch auf! :)

LG aus Leipzig wünschen

Lara Nicole und Ich'e...
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+1 #2 Patrick S. 2012-11-14 14:26
@Lutz und Rita = Na Friseur wäre auch mal wieder dran, war aber beim Barbier, der Bart ist immer in die Kette gekommen. Für ca.1,50€ hat er es aber ganz gut hinbekommen. Hat auch ganze fünf Tage gehalten ((-;
LG nach Cottbus
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+3 #1 Lutz und Rita 2012-11-14 08:19
Hallo ihr Lieben in Vietnam, schöööön von euch zu lesen... DANKE für diesen tollen Bericht und die aussagekräftige n Fotos ... Patrick wieder einmal beim Friseur??? Wie teuer war es denn diesmal???
Gute Weiterreise ... und bleibt gesund!
Liebe Grüße aus dem (heute) sonnigen Cottbus von LuRi
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