Mit Hupkonzert ins Etappenziel

Phnom Penh (Kambodscha)

155. Reisetag

4.624 Kilometer

(Zug: ca. 13.500 KM)

Wir baumeln selig in der Hängematte, schlürfen kalten Eistee und genießen den Blick auf Palmenhaine. Nach zwei Stunden radeln bei 45 Grad, weht uns eine frische Meeresbrise entgegen und wir sehen Touristen in Badesachen zum Strand pilgern …. Nein jetzt nicht zwicken, das ist keine Traumphantasie! Die aufmerksamen Leser werden sich vielleicht denken, wir haben nach den ersten doch recht öden Rad-Tagen in Nordvietnam die Sachen gepackt und sind auf die Malediven geflüchtet.

Auch wenn wir es zwischendurch überlegt haben, wir sind immer noch in Vietnam, aber nachdem wir Hoi An in Richtung Süden verlassen haben, erleben wir erfreulicherweise einen kontrastreichen Wechsel der Radstrecke. Nicht nur die Landschaft wird abwechslungsreicher, auch die geringere Dichte der Ortschaften nehmen wir positiv wahr. Die Atmosphäre ist entspannter und stimmt uns auf die bevorstehenden Küstenorte Nha Trang und Mui Ne ein. Hier gönnen wir uns jeweils einen Ruhetag, der mit Ausschlafen und Strandbesuchen sinnvoll gefüllt wird :--)

Die Strecke bleibt ansonsten recht flach und der Wind weht meist erfreulicherweise von hinten. Ein längerer Anstieg steht uns noch bevor. Nach anhaltenden Regenschauern quälen wir uns durchgenässt die Serpentinen hoch. Auch die Versuche sich an den vorbeifahrenden LKW festzuhalten, erleichtern den Anstieg nicht, sondern führen eher zu Raucherlungen. Oben angekommen verfallen wir in Euphorie, nicht nur weil es gleich bergab geht, sondern weil wir einen Wetterwechsel hin zu strahlenden Sonnenschein feiern. Unseren ekstatischen Freudenausrufen zum Trotz, schickt Petrus fünf Minuten später wieder Dauerregen. Bis auf die Knochen nass halten wir am nächsten Imbiss an. Wir beten wieder unsere Wunschgerichte auf verschiedenen Tonhöhen runter, als die Frau ihren Vater ruft, der sich zu uns gesellt. Wir tragen nochmal unsere Bestellung vor, woraufhin er trocken sagt: „Was wollt ihr haben, Rindfleisch?“ :--)       
Insgesamt haben wir dreimal die Erfahrung gemacht, dass Vietnamesen, die eine Zeit lang in der früheren DDR waren, uns mit ihren Deutschkenntnissen überrascht haben.

 

Eine willkommene Abwechslung der anderen Art erleben wir bei einer unserer neu etablierten 10-Km-Pausen, die nebenbei gesagt unserer Motivation erstaunlich gut tun. Wir stehen also am Straßenrand und zählen wieder 10 Km von unserem Tagessoll ab, als wir durch Rufe aus unseren Tagträumen gerissen werden. Zuerst sind wir etwas perplex, schließlich sieht man sowas nicht alle Tage – zwei Radreisende in Vietnam! Wir sind also nicht die einzigen Verrückten die hier rumradeln, Katja und Mathias aus Stuttgart haben die gleiche Idee, nur in der anderen Richtung und insgesamt schon ein knappes Rad-Jahr auf dem Buckel. Von dem wiedermal einbrechenden Regen lassen wir uns nicht stören und tauschen die wichtigsten Radtour-Details aus: Strecke, Dauer, Tagesschnitt, Gewicht und Budget sind hier die interessanten Größen:--) Schnell steht fest, dass wir viel zu erzählen haben, also wird unser Tagessoll kurzerhand gekürzt und wir fahren das nächste Hotel an. Der Abend ist kurzweilig und unsere Vorfreude auf die bevorstehenden Etappen steigt durch die Geschichten weiter an.

Unsere gute Laune wird nur manchmal etwas getrübt, wenn wir zum Beispiel vom Hotelpersonal beklaut werden (Hue) oder unser Kleidung nach der Hotelwäsche dreckiger als vorher und noch dazu verfärbt zurückkommt. Hoffentlich halten wir mit dem jetzigen Restbestand noch bis Bangkok durch – da gibt’s wieder H&M :--)     
Doch vorher ist unser nächstes Ziel Ho-Chi-Minh (Saigon), neben der Hauptstadt Hanoi die zweite Metropole Vietnams. Leider haben Großstädte es an sich, verkehrsreich zu sein, was wir bereits 150 Km vor der Stadtgrenze zu spüren bekommen.

Hier müssen wir zum Verständnis mal kurz das Thema „Hupen“ in Vietnam einschieben. Hupen ist hier nicht wie bei uns daheim die ultima ratio bei einem nervenden Vorfahrer, bzw. Ausdruck der eigenen Aufregung. Die Hupe ist in Vietnam vielmehr DAS essentielle Teil am Fahrzeug, in der Wichtigkeit noch vor funktionierenden Bremsen und ganz weit vor der Lichtmaschine angesiedelt. Das Betätigen derselben ist Ausdruck des Lebensgefühls und muss mindestens einhundert Mal am Tag vorgenommen werden. Wahrscheinlich ist das sogar gesetzlich irgendwo festgelegt :--)
Soweit so gut, schließlich haben wir ja Kopfhörer im Ohr und Oropax tun es ja zur Not auch. Weit gefehlt, denn hier gibt es verschiedene Typen von Hupen. Neben den „Flüster-Hupen“, die bei uns an Kinderfahrrädern verbaut werden, gibt es die ausreichend hörbare Standard-Hupe á la KFZ in Deutschland und zu guter Letzt die gemeine „Tinitus-Hupe“ der LKW, die den HNO-Ärzten die Warteräume mit Patienten füllt. Wenn Ravensburg ihr Auto/Truck-Quartett (damit haben wir früher gezockt, welches Auto mehr PS und Hubraum hat) um die Dezibel der Hupe erweitern, würden vietnamesische Fabrikate ganz weit vorne liegen! Für ein kurzfristiges Glücksgefühl brauchen wir aber gar nicht so viel, wenn mal wieder ein Brummi-Fahrer als nett gemeinten Gruß neben uns auf die Hörner drückt, wünschen wir uns nur so eine Drucklufthupe aus dem Fußballstadion zum Zurückgrüßen; oder besser noch eine Vuvuzela, jaha :--)

Für unser breites Grinsen sorgen im Moment aber nicht unsere aufkeimenden Rachegelüste, sondern der Blick auf die Skyline von Ho-Chi-Minh. Also es sind vielleicht sechs Hochhäuser, aber egal, wir sind happy nach über 1.700 Km das letzte Etappenziel in Vietnam erreicht zu haben. Zum Ausruhen bleibt aber nur bedingt Zeit, wir haben ein straffes Programm. Neben Museumsbesuchen, wollen wir uns eine Schokoladenmanufaktur anschauen und den Kindergarten besichtigen, dessen Bau durch Eure Spenden mit finanziert wurde.

Wir wollen Vietnam nicht verlassen ohne uns genauer über die Ereignisse zu informieren, die das Land nachhaltig geprägt haben und besichtigen deshalb das Kriegsmuseum im Stadtzentrum. Hier werden neben einer Sammlung von Waffen, auch teilweise sehr drastische Kriegsfotos ausgestellt. Die Originalbilder veranschaulichen die Schrecken des Krieges sehr einprägsam, besonders die grauenhaften Folgen des eingesetzten Entlaubungsmittels Agent Orange, dessen Auswirkungen teilweise noch bei den heutigen Generationen durch Behinderungen zu spüren sind. Nach so einem Museumsbesuch geht man nicht unbedingt guter Laune weiter zur Tagesordnung über, dennoch ist es erforderlich sich immer wieder vor Augen zu halten welche Auswirkungen Kriege haben.

Obwohl uns die Eindrücke des Vietnamkrieges wahrlich auf den Magen geschlagen haben, fahren wir als Nächstes in die einzige Schokoladen-Manufaktur Vietnams. Wie wir dazu kommen? An der Stelle könnten wir eigentlich für die richtige Antwort eine Schokolade verschenken, aber die sind leider schon aufgegessen:--) Also die Superhirne unter Euch können sich bestimmt erinnern, am Baikalsee trafen wir zufällig auf ein nettes französisches Paar, dass uns eine Flasche Rotwein geschenkt und die Adresse ihres Sohnes, der hochwertige Schokolade in Saigon herstellt, mitgegeben hat. So eine Gelegenheit, unsere Energiespeicher aufzuladen und noch dazu interessante Einblicke in die Produktion des beliebten Genussmittels zu bekommen, lassen wir uns natürlich nicht entgehen. Wir treffen Vincent in der Stadt und plaudern ein bisschen beim Mittagessen über unsere Tour und seine Geschäftsidee. Danach geht es in die kleine Manufaktur, wo wir die verschiedenen Produktionsschritte erklärt bekommen und schließlich auch die langersehnten Kostproben nehmen dürfen. Von der Wahl der Kakao Bohnen, über die Geschmackstests bis hin zum Einpacken wird viel Arbeit und Liebe in das Produkt gesteckt. Die hohe Qualität hat ihren Preis, in Deutschland werden die Tafeln für ca. 9,50 Euro verkauft. Gut, dass wir drei Exemplare für lau mitbekommen – Merci ;--)

Anschließend machen wir uns mit Glückshormonen gestärkt auf den Weg ins 130 Km entfernte Vinh Long. Hier wird der Kindergarten gebaut, den wir mit Euren Spenden unterstützen. Auf der Fahrt begleitet uns Tuyen, die als Mitarbeiterin der Dariu Organisation, für die Betreuung der Schul- und Kindergartenprojekte in der Region zuständig ist. Nach dreistündiger Busfahrt geht es noch mal 45 min aufs Moped bevor wir in der ländlichen Provinz ankommen. Fernab der Großstadt leben die meisten Familien von der Landwirtschaft, was ihnen zwar den Lebensunterhalt sichert, aber für die Bildung der Kinder kaum Spielraum lässt.
Wir besuchen zunächst eine Schule, die ebenfalls mit Spenden der Organisation finanziert wurde. Neben dem alten Gebäudetrakt, steht auf dem Schulhof ein Container, in dem 30 Schüler mit Laptops und TV unterrichtet werden. Nach einem kurzen Fußweg zeigt uns Tuyen den Kindergartenbau, der nahezu fertiggestellt ist. Die farbenfrohe und moderne Gestaltung macht einen positiven Eindruck auf uns. In den acht Räumen werden im nächsten Jahr bis zu 200 Kinder im Alter von ein bis fünf Jahren Platz finden und hoffentlich viel Spaß haben.

An dieser Stelle nochmal vielen Dank an die Spender, dank deren Hilfe die Projekte unterstützt werden und wir überhaupt solche positiven Eindrücke sammeln und vermitteln können!


Mit diesen schönen Eindrücken begeben wir uns wieder auf die lange Rückreise nach Ho-Chi-Minh. Noch einmal gibt es einen leckeren Frucht-Shake um die Ecke mit Mango, Kokosnuss und der Stinkfrucht Durian und eine Pizza zum Abendessen. Dann ist es auch schon soweit, wir müssen packen, denn es heißt Abschied nehmen von Vietnam. Nach fast zwei Monaten sind wir jetzt auch „reif“ für das Nachbarland Kambodscha. Wir hoffen hier auf neue Erfahrungen, Eindrücke und Erlebnisse (dreimal „E“ in einem Satz- eine richtige Alliteration:--).
Doch eines steht schon fest, mit Eurem Winterwetter werden wir nicht mithalten können. Mal sehen, ob bei uns trotzdem Weihnachtsstimmung aufkommt… In diesem Sinne wünschen wir allen einen schönen ersten Advent und eine besinnliche Vorweihnachtszeit- wir halten Euch auf dem Laufenden wie es uns in Kambodscha ergeht! ;--)

 

Viele Grüße

Patrick und Matthias

 

Kommentare   

 
0 #8 Matthias S. 2013-02-10 07:40
Brenner das sieht nur so aus - optische Täuschung :lol: Sind eigentlich sogar kleiner geworden :-|
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0 #7 Der Erik aus den USA 2013-01-27 17:35
Matze, Alter, wo hast du denn die Arme herbekommen, das ist ja der Hammer. Finde ich sehr gut, weiter so!
Guten Tritt und Sport Frei,
Erik
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+1 #6 Kroppo 2012-12-06 06:45
Super Bericht und tolle Fotos!

Durchhalten, bald seid Ihr im gelobten Land, da wird alles einfacher. Wir sehen uns in BKK!
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+1 #5 Matthias S. 2012-12-04 16:44
Hallo zusammen,

Vielen dank für die Grüße!

@Matthias: wir treten so kraftvoll in die
Pedalen dass die Ketten extrem gefordert werden. :lol: Konnte aber mit
neuem Glied wieder eingesetzt werden.
Das Geld schmilzt wie Eis in der Sonne, aber Süd Ost Asien ist sehr günstig:
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+1 #4 Silke Schulze 2012-12-02 17:26
Hallo, wieder ein toller Bericht und wunderschöne Bilder...Danke und weiterhin gute Fahrt ohne Pannen. Alles Gute euch :-)
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+3 #3 Matthias Frisch 2012-12-02 16:40
IHR schreibt echt klasse, meint ich

prost!
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+2 #2 Matthias Frisch 2012-12-02 16:38
beste Story bisher! Die Bilder sind die besten, also diejenigen die Road-Feeling vermitteln, top! Vergesst Nordeuropa, da ist kalter Winter, da unten solltet ihr bleiben...

Kettenriss, das versteh' ja wer will, da werden ja alle Prognosen bestätigt... scheinbar taugt heute eine Kette nix mehr... oder wieso reißen die so schnell;)

Kleiner Tip: einfach nicht wieder kommen... genießt das Leben on the road in Asien; jetzt ist ja die Hälfte der Zeit rum: wie sieht es mit den Finanzen aus. Die Kettenreißprogn ose passte 100% und die restliche Planung auch?

Karte aus China kam per Post nach 2M Reisezeit, merci und weiter gute Fahrt... ich schreibt echt Klasse...
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+5 #1 Brigitte 2012-12-02 11:15
Mensch, da habt ihr ja ganz schön was geschafft und mal wieder super geniale Bilder...
Größer zu hier könnte der Kontrast gar nicht sein... bei Euch Hitze und Strand und bei uns daheim ist heute zum 1. Advent auch der erste Schnee gefallen.
Alles Gute weiterhin.
Brigitte
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